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HBOs langer Weg zu einer weiblichen und / oder feministischen Hauptfigur

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Im April 2009 hat HBO zu unserer aller Überraschung eine Serie mit einer feministischen Hauptfigur angekündigt. Und mit uns meinen wir nicht nur uns als previously-AutorinnenKollektiv sondern feministische TV-Serien-Fans, Bloggerinnen, Medien- und Kulturwissenschaftlerinnen: überall erstauntes Augenreiben – war doch HBO bisher eben nicht nur mit den innovativsten TV-Serien der Fernsehgeschichte aufgefallen, sondern auch mit einem Mangel an anspruchsvollen und komplexen Frauenfiguren. In Melissa Silversteins Blog “Women and Hollywood” war am 15. April 2009 nachzulesen, dass HBO eine Serie mit dem Titel Women’s Studies plant. Julie White war für die Rolle der ehemaligen feministischen “it”-Autorin gewonnen worden, die nun an einem kleinen liberalen College an der Ostküste lehrt. Theresa Rebeck war für Drehbuch und Produktion vorgesehen, zusammen mit Ben Karlin, ehemaliger Co-Autor von The Daily Show and The Colbert Report.

Ende Juli 2009 folgte die zweite Überraschung. HBO schien sich nun endgültig einen feministischen Virus eingefangen zu haben, wie Silverstein ironisch anmerkt: Für den Pay-TV-Sender wird eine neue Serie entwickelt, hieß es, in der Diane Keaton eine angesehene Feministin und Professorin spielt, die ihren Uni-Job, aufgibt um ein Porno-Magazin für Frauen herauszubringen. Für die Produktion vorgesehen waren Marti Noxon, welche die 6. und 7. Staffel von „Buffy the Vampire Slayer“ geschrieben und produziert hat sowie Dawn Prouse, eine der Produzent_innen von „Prison Break”. Ihre ursprünglichen Pläne, eine Serie über eine junge Frau mit einem Job in der Porno-Industrie zu machen, hatten sie zu Gunsten einer Comedy über eine ältere Feministin verworfen. Die bekannte us-amerikanische Frauenrechtlerin Gloria Steinem hatte Noxon und Prouse für die Hauptfigur der Serie inspiriert.

Bei diesen Ankündigungen ist es dann auch geblieben: Irin Carmon hat für ihren Beitrag “Fine Bromances.Where Are HBO’s Shows About Women?” auf Jezebel.com nachgefragt: Eine Assistentin der Drehbuchschreiberin Theresa Rebecks verriet ihr schließlich dass “Women’s Studies” nicht weiter entwickelt wird. Informationen zum Stand der geplanten TV-Show mit Diane Keaton waren von HBO nicht zu erhalten. Stattdessen wurde im April 2010 bekannt, dass HBO eine halbstündige Comedy-Serie mit dem Titel “Tilda” produziert und für die Hauptrolle Diane Keaton gewonnen hat. Sie soll Tilda Spahr spielen, die Chefredakteurin einer Internetseite über Hollywood und das Showbusiness. Die Figur basiert auf der streitbaren und kompromisslosen Journalistin und Hollywood-Starbloggerin Nikki Finke. Finke war Kolumnistin der alternativen Zeitung LA Weekly als sie 2006 Deadline Hollywood Daily gründete. Aufgrund Finkes schonungsloser Berichterstattung und ihrem Kampf um journalistische Wahrheit entwickelte sich der Blog in kurzer Zeit zur meist gelesenen und meist gefürcheten Informationsquelle Hollywoods.
Deadline Hollywood Daily wurde während des Streiks der amerikanischen Drehbuchautoren_innen im Jahr 2007 bzw.  2008 zu einem wichtigen Informationsportal. Videoclips, die für das Anliegen der Streikenden warben, hat Finke auf ihre Internet-Seite gestellt, obwohl sie von sich selbst Unparteilichkeit behauptete. Sie hat nahezu ununterbrochen über den Streik berichtet. Die täglichen Zugriffe auf ihren Blog verdreifachten sich in dieser Zeit von 350.000 auf eine Million.

Vom 5. November 2007 bis zum 12. Februar 2008 befanden sich 12.000 in der Gewerkschaft Writer’s Guild Of America organisierte Drehbuchautoren_innen im Ausstand. Am Ende des Streiks einigten sie sich mit den  Filmstudios/Produktionsfirmen auf eine pauschale Honorarerhöhung von 2,5 bis 3 Prozent im ersten Jahr und eine anschließende Beteiligung an den Internet-Umsätzen. Die Autor_innen fanden zahlreiche Unterstützung. Obwohl  Schauspieler_innen lt. ihren Verträgen mit den Filmstudios untersagt ist, sich einem anderen Gewerkschaftsstreik anzuschließen, haben viele von ihnen ihre Solidarität zum Ausdruck gebracht, sich an Demonstrationen beteiligt oder sich geweigert, durch die Streikpostenkette hindurch zu gehen. Auch TV-Show-Fans organisierten Unterstützung. So lieferten z.B. Fans4Writers, eine Gruppe der Joss Whedons Fans, regelmäßig Verpflegung für die Streikposten.  Prominente Unterstützung gab es auch von Jon Stewart, von The Daily Show, der im Vorfeld bereits eine wichtige Rolle bei der gewerkschaftlichen Organisierung der Autor_innen für Comedy Central gespielt hatte. Die Daily Show wurde – wie auch andere Late Night Shows – mit Beginn des Streiks unterbrochen. Anfang Januar – noch während der Streik andauerte – kehrte Stewart zurück, allerdings nur weil die Produktionsteams stark unter der Finanzkrise litten und zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Monate ohne Arbeit waren. Er nannte aber bis zum Ende des Streiks seine Show “A Daily Show” statt “The Daily Show”, weil zur “The Daily Show” alle Menschen gehören die die Ausstrahlung ermöglichen, also alle inklusive der Drehbuchschreiber_innen.

Vom Streik zurück zu HBO und “Tilda”: Nach dem Dreh der Pilotfolge kam es zu kreativen Differenzen zwischen Bill Condon und Cynthia Mort, woraufhin letztere von HBO aus dem Team entlassen wurde. Die Produktion der Comedy-Serie schien auf Eis gelegt.  Anfang November wurde bekannt, dass HBO Alan Poul, Produzent von “Six Feet Under” für die Produktion von “Tilda” verpflichtet hat. Die Comedy-Serie scheint demnach noch nicht endgültig begraben.

Ebenfalls Anfang November tauchten Informationen über eine weitere mögliche HBO-Serie mit einer weiblichen Hauptfigur auf. Im Mittelpunkt von “Veep” – wie die Serie heißen soll -  steht die erste weibliche us-amerikanische Vizepräsidentin. Für die Hauptfigur ist Julia Louis-Dreyfus im Gespäch. Die Serie handelt von einer US-Senatorin, die  alle Warnungen in den Wind schlägt und für den Job der Vize-Präsidentin kandidiert. Zwar ist der Vize-Präsident oder eben die Vize-Präsidentin der Vereinigten Staaten nominell eines der höchsten Regierungsmitglieder, jedoch ist seine oder ihre Aufgabe fast ausschließlich repräsentativer Natur: der Vize-Präsident oder die Vize-Präsidentin reist auf Staatsbesuche oder vertritt das Land bei anderen Auftritten. Der erste Vizepräsident, John Adams, bezeichnete das Amt als „das bedeutungsloseste, das jemals von Menschen ersonnen wurde“. Den Pilot zur  Serie hat HBO beim britischen Satiriker Armando Iannucci bestellt. Mit Comedys im Feld der großen Politik kennt sich Armando Iannucci aus. Er ist bekannt für seine TV-Serie The Thick of it, in der er das Innenleben der britischen Regierung parodiert.

Ohne Zweifel hat HBO mit The Sopranos, The Wire, Six Feet Under, Deadwood und andere TV-Serien neue Maßstäbe gesetzt. Außergewöhnliche Serienproduktionen werden aber inzwischen auch von anderen Sendern angeboten. Und diese scheuen keine weiblichen Hauptfiguren. Da wären Alicia Florrick in “The Good Wife” auf CBS, Nancy Botwin in “Weeds” und Jackie Peyton in “Nurse Jackie” beide auf Showtime.

Wir warten.

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