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No frakkin’ future? – Utopische Impulse in Battlestar Galactica

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Zu einer unbekannten Sternzeit, an einem unbekannten Ort draußen in den unendlichen Weiten des Weltraums, ereignet sich eine Geschichte, wie sie in zahlreichen sogenannten Science-Fiction-Schriften des Planeten Erde wieder und wieder geschrieben steht:

Eine hoch entwickelte menschliche Kultur, die in einem fernen Sonnensystem auf zwölf Planeten, den sogenannten Kolonien lebt, entwickelt intelligente Roboter. Diese Maschinen erheben sich eines Tages gegen ihre Schöpfer. Dieser erste Krieg zwischen Mensch und Maschine endet in einem Waffenstillstand. Nach einigen Jahrzehnten greifen die Maschinen erneut an. Sie haben sich inzwischen selbständig weiterentwickelt und konnten auch zwölf organische Modelle herstellen, die von echten Menschen nicht zu unterscheiden sind und nun als Spionagewaffe gegen diese eingesetzt werden. Ihnen gelingt durch einen massiven nuklearen Erstschlag die Vernichtung der zwölf Kolonien. Einem alten Schlachtschiff gelingt es zusammen mit einer kleinen Zahl ziviler Transporter und Frachter zu fliehen. Die überlebenden Menschen, nicht mehr als 50.000 an der Zahl, beschließen, nach der sagenumwobenen 13. Kolonie zu suchen – der wiederum in ihren religiösen Schriften erwähnte Planet ,Erde’ – um dort eine neue Welt aufzubauen. Erschwert wird die Situation durch einige organische Maschinenmodelle, die diverse Schiffe der Flotte infiltriert haben und sich nur teilweise über ihre wahre Identität bewusst sind.

Bei der eben beschriebenen Geschichte handelt es sich natürlich nicht um die neuen Abenteuer des x-ten Raumschiffes Enterprise, sondern um den Aufhänger von Battlestar Galactica, der Neuauflage der gleichnamigen Science-Fiction-Fernsehserie von 1978, die 2004–2008 im Auftrag von SciFi-Channel produziert und gesendet wurde. Namentlich verbunden wird die Serie vor allem mit ihrem ausführenden Produzenten Ronald D. Moore, der für Battlestar Galactica gewissermaßen den gleichen Status innehat wie Gene Roddenberry für Star Trek. Tatsächlich begann Moores Karriere als Drehbuchschreiber bei Star Trek: The Next Generation, und auch bei den beiden nachfolgenden Serienablegern Deep Space Nine und Voyager wirkte er maßgeblich als Drehbuchautor und Produzent mit. Schon zu dieser Zeit zeigte sich bei Moore sein ausgeprägter Hang zu realistischen und glaubwürdigen Handlungsverläufen – im Setting von Star Trek kein allzu leichtes Unterfangen. So versuchte er immer wieder, die Red-Shirt-Todesrate möglichst gering zu halten. Der Name „Red Shirt“ bezieht sich auf die Uniformfarbe der Techniker- und Sicherheitsmannschaften in der ersten Star Trek-Serie Raumschiff Enterprise, aus deren Reihen zumeist die Statisten stammten, die bei Außeneinsätzen oder Angriffen auf die Enterprise oft gleich nach ihrem ersten Auftritt bzw. nach ihren ersten Redebeitrag ums Leben kamen – was zur Folge hatte, dass die Zuschauer_innen bald ziemlich exakt vorhersagen konnten, wen es in einer sich ankündigenden Gefahrensituation gleich erwischen wird. Ronald D. Moore wollte jedoch statt dieser austauschbaren Randfiguren auch endlich mal Hauptcharaktere draufgehen lassen, und bedingt gelang ihm das auch: So ließ er in Deep Space Nine den beliebten Charakter Vedek Bareil sterben, und schrieb auch Captain Kirk im Filmableger Star Trek: Generations schließlich den verdienten Serientod ins Drehbuch.

Um eines gleich vorwegzunehmen: Nicht nur wichtige Charaktere, sondern auch das Raumschiff selbst – die titelgebende „Galactica“ – erleben das Serienende von Battlestar Galactica nicht.

„Bright, shiny futures are overrated anyway.“

Dieser lakonische Ausspruch von Lee Adama, dem Sohn des Kommandeurs Bill Adama, beschreibt nicht nur die Situation der Menschen in Battlestar Galactica, sondern ist durchaus als Intertext zu einer allgemeinen Entwicklung von US-amerikanischen Science Fiction-Fernsehserien zu lesen, die seit Mitte der 90er Jahre von einem deutlich düster-pessimistischen Grundton geprägt sind – zu nennen wären hier beispielsweise Babylon V, Farscape und auch Firefly.

Diesem Dark-Future-Trend folgt nun auch offensichtlich Battlestar Galactica. Der atomare Vernichtungsschlag, der den Anfang der Serie markiert, der damit verbundene Topos des Aufstands der Maschinen – den sogenannten Cylons – gegen ihre Schöpfer, die Versklavung der auf den Kolonien verbliebenen Menschen, die beständige Dezimierung der sich auf der Flucht befindlichen 50.000 Menschen durch weitere Angriffe im All – der gesamte Rahmen deutet zunächst auf ein durch und durch dystopisches Szenario hin.

Die Umgestaltung und Kehrtwendung des klassischen US-amerikanischen Frontier-Mythos, auf den ja insbesondere Star Trek aufbaute, scheint dies zu bestätigen: Das Unbekannte und die Unendlichkeit des Weltraums wird nicht mehr aus einer von Neugier und Zuversicht geprägten Entdeckerperspektive gezeigt, sondern präsentiert sich durch die Sicht der Flüchtenden und Gehetzten als eine düster und bedrohlich wirkende Leere. Auf dieser Reise geht es jedoch nicht nur ums Überleben, sondern bis zum Schluss um die Aufrechterhaltung zivilisatorischer Mindeststandards: In Battlestar Galactica fallen sozialer Mikrokosmos des Raumschiffes und gesellschaftlicher Makrokosmos in eins. Die Flotte repräsentiert nicht eine zurückgelassene Gesellschaft, zu der es irgendwann zurückzukehren gilt, sie ist die Gesellschaft – und zwar die des permanenten Ausnahmezustandes.

Eine herausragende Rolle spielt die mühevolle Aufrechterhaltung demokratisch-rechtsstaatlicher Grundprinzipien, die durch Themen wie Militärputsch und Meuterei, militärische Übergriffe auf Zivilisten, Wahlfälschung und Wahlbetrug, religiöser Fundamentalismus, Korruption, Lynchjustiz, Folter von politischen Gefangenen bis hin zu Schwarzmarktaktivitäten aufgearbeitet werden.

Hierbei fällt besonders die Thematisierung von bestehender sozialer Ungleichheit bezüglich Herkunft und Klasse auf – ein Aspekt, der etwa in der sozialen Utopie von Star Trek, zumindest innerhalb der Föderation, keine Rolle spielte. In Battlestar Galactica wird die Klassenkategorie über die Postulierung von kulturellen Eigenheiten der zwölf Kolonien eingeführt. Wie im Laufe der Serie immer wieder problematisiert wird, bestimmt sich die soziale Laufbahn des Einzelnen zu einem großen Teil durch seine Herkunft; so rekrutiert sich die politische, wissenschaftliche und militärische Elite fast ausnahmslos aus der Bevölkerung des Regierungsplaneten Caprica. Dieser Klassenkonflikt wird vor allem an zwei Hauptfiguren aufgezeigt: Zum einem der Wissenschaftler Doctor Gaius Baltar, der zunächst seine Herkunft vom agrarisch geprägten Planeten Aerelon leugnet, später jedoch als vehementer Kritiker der bestehenden Klassengesellschaft auftritt, zum anderen Oberingenieur Chief Galen Tyrol, der als führender Vertreter der Arbeiterschicht, so als Gewerkschafts- und Streikleiter, in Erscheinung tritt. Über diesen Konflikt wird der Hoffnung eines gesellschaftlichen Wiederaufbaus, der hauptsächlich mit dem Auffinden des mythischen Planeten Erde assoziiert wird, der Wunsch nach einem wirklichen Neuanfang, nach dem Aufbau einer durch Chancengleichheit geprägten und dadurch besseren Gesellschaft, beigefügt.

Eine solcherlei über zentrale Figuren und Ereignisse explizit und reflexiv gemachte Thematisierung der Klassenfrage findet hinsichtlich der Konstruktionen von ,Race’ und ,Gender’ keinerlei Entsprechung, was jedoch – insbesondere die Geschlechterfrage betreffend – einen zentralen utopischen Impuls der Serie ausmacht. Dies wird, und das mag auf den ersten Blick paradox erscheinen, auch und gerade durch den militärischen Kontext, der sich durch den Fokus auf die Ereignisse auf der Galactica ergibt, ermöglicht. Schließlich gilt auch noch heutzutage das Militär – sowohl Geschlechterquote als auch und vor allem Verhaltensmuster betreffend – als Männerdomäne schlechthin. Beide Merkmale werden in Battlestar Galactica gründlich konterkariert: Unter den Rekruten befinden sich zahlreiche Frauen, darunter viele in gehobenen Positionen, wie ein weiblicher Admiral sowie der beste Kampfpilot der gesamten Flotte. Ebenso wird das Amt des Präsidenten durch eine Frau bekleidet. Es gibt Unisex-Waschräume, -Umkleidekabinen und -Schlafräume; gleichzeitig finden sich innerhalb des Truppenverbands keinerlei Verhaltensweisen, die auf eine Sexualisierung und Objektivierung des weiblichen Körpers hindeuten, wie etwa Pin-Ups an Wänden und Umkleidespinds oder anzügliche Bemerkungen und entsprechende Witze gegenüber den Soldatinnen seitens ihrer männlichen Kollegen. Das Problematische an den Verhaltensweisen der tonangebenden Kampfpilotin Kara ,Starbuck’ Thrace – exzessives Trinken, Fluchen, aggressiv ausgelebte Sexualität, Befehlsverweigerung und auf eigene Faust durchgeführte Aktionen – besteht nicht darin, dass sie damit einem etwaig bestehenden weiblichen Rollenmodell zuwiderläuft. Es sind die Handlungen an sich, und nicht damit verbundene Rollenzuschreibungen, die als sozial inakzeptabel gelten. Insgesamt fällt beim Austragen von Konflikten zwischen weiblichen Vorgesetzten und männlichen Untergebenen – und umgekehrt – geradezu die Nicht-Diskursivierung im Sinne einer Nicht-Thematisierung des Faktors Geschlecht auf – er spielt einfach, bei dargestellter faktischer Gleichheit, bei der Debatte um sozialen Aufstieg keine Rolle. Ebenso wenig werden unterschiedliche Führungsstile aufgrund des gegebenen Geschlechts präsentiert oder erwartet.

Wie die Geschlechterverhältnisse im Allgemeinen erfahren auch nicht-heteronormative Beziehungsformen im Besonderen in Battlestar Galactica eine solche Normalisierung: Es gibt sie, wenn auch marginal. Und sie werden ebenfalls nur gezeigt, jedoch als solche nicht problematisiert.

Diese starken utopischen Impulse werden im Laufe der Serie jedoch auf den Prüfstand gestellt. Misogyne Verhaltensweisen zeigen sich zum einen bei der Folter gefangener Cylons, bei der die weiblichen Modelle der Vergewaltigung seitens männlicher Rekruten oder zumindest der Androhung dessen ausgesetzt sind. Zum anderen beinhalten die ökonomischen Verhältnisse, die sich während der Weltraumreise etablieren, neben Schwarzmarktaktivitäten auch die der Prostitution in bekannter unilateraler Form, bei der also alleinig Frauen als Objekte für männliches Begehren dienen.

In dem Artikel „Alienation and the Limits of the Utopian Impulse“ werten Carl Silvio und Elizabeth Johnston diese augenscheinlichen Widersprüche nicht als Verwerfung der eigenen gegebenen utopischen Impulse, sondern als offensichtliches Ringen um sie, ähnlich der Brechtschen Konzeption des epischen Theaters, bei dem durch eine derartige Darstellung das Publikum aufgefordert ist, sein eigenes Verhältnis zur bestehenden Sozialordnung zu reflektieren. Dem entspricht, dass die in der Serie gezeigten Vergewaltigungen und Prostitutionsverhältnisse nicht als normal gelten, sondern problematisiert werden – letztendlich geht es auch hier wieder um die Beibehaltung zivilisatorischer Verhaltensweisen im gesellschaftlichen Ausnahmezustand.

Dieses Ringen um Menschlichkeit in unmenschlichen Verhältnissen stellt in Battlestar Galactica ein Dauerthema dar. Ein weiteres, wenn auch zunächst weniger offensichtliches, ist einem diesem entgegengesetzten Pol zuzurechnen – die Überwindung der menschlichen Konstitution mit ihren Fehlern und Schwächen und der Beginn einer neuen Ära durch das Auftauchen eines neuen, geläuterten und vollkommeneren Geschlechts. Dieser Erzählstrang wird naheliegenderweise über die Beziehung von Menschen und Cylons, also dem Mensch-Maschine-Verhältnis entwickelt. Wie dies geschieht, und ob der dem innewohnende utopische Impuls eingelöst werden kann, davon wird in der nächsten Previously-Sendung zu hören sein.

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