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I’m Never Getting Married – Veronica Mars 1st Season

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[I’m never getting married. …Sooner or later the people you love let you down.]
So beginnt in der Pilotfolge Veronica Mars’ Stimme aus dem Off mit der Vorstellung ihrer düsteren Welt, deren Verlogenheit und Morbidität wir zwischen 2004 bis 2007 3 Staffeln lang verfolgen konnten.  Während insbesondere die 3. Staffel in einer späteren Sendung einer kritischen Bestandsaufnahme unterzogen werden muss, widmen wir uns in den nächsten Minuten der großartigen ersten Season.[This is my school. If you go here, your parents are either millionaires or your parents work for millionaires. Neptun, California, a town without middle class.]

Neptun ist eine fiktive kalifornische Stadt, deren Bewohner entweder im priviligierten Bezirk 09 wohnen und deren Teenagernachwuchs größtenteils die – nicht nur – in amerikanischen Highschools anzutreffende bratpack In-Clique bilden. Charakteristisch dafür ist Paris Hilton, die in zwei Folgen der ersten Staffel mehr oder weniger sich selbst spielt: Sinnbild einer dummen, reichen und aus unerfindlichen Gründen populären Teenagerin. Veronica gehörte – darauf spielt auch der Titelsong “we used to be friends” an – einst dazu. Grund dafür war ihr Freund Duncan Kane, Sohn der reichsten Familie der Stadt. Die anderen Bewohner Neptuns schaffen die Infrastruktur für das wirtschaftlich sorglose Leben der 09er.

Doch das ist vorbei, bevor die Serie beginnt. Zwei Wochen, nachdem Duncan ohne einen Grund zu nennen aufhörte mit Veronica zu sprechen, wurde ihre beste Freundin Lily, Duncans Schwester, ermordet. Sheriff Keith Mars, ihr Vater, verdächtigte Lilys und Duncans Vater und versuchte, dessen Schuld zu beweisen. Dies gelang ihm nicht. Er wurde aus dem Amt gewählt und verlor sein gesellschaftliches Ansehen. Veronicas Mutter konnte mit dem sozialen und wirtschaftlichen Abstieg nicht umgehen und verließ die Familie.Von ihren reichen Freunden wurde Veronica vor die Wahl gestellt, sich für oder gegen ihren Vater zu entscheiden. Sie blieb bei ihm.

Nun betreibt Keith Mars eine Privatdetektei und wird dabei von Veronica unterstützt. Die große Klammer der ersten Staffel wird durch die Suche nach Lilys Mörder gebildet. Während der einzelnen Folgen löst Veronica kleinere, in diesen abgeschlossene Fälle, manchmal im Auftrag ihres Vaters, öfter jedoch auf Bitten ihrer Mitschüler_innen, deren Aufklärung sie sich – sofern sie kein eigenes Interesse an dieser hat, bezahlen lässt.

In “Veronica Mars” werden erstmals zwei äußerst gegensätzliche Genre gemischt. Das klassische Soap Setting – so spricht Veronica häufig Kommentare aus dem off – trifft auf Krimi noir.Dessen klassische Hauptrolle, der einsame Detektiv, der nicht immer innerhalb der Legalität operiert, und dessen vordergründiges Motiv die Absicherung der Lebensverhältnisse ist, während hinter der harten Schale das Herz gegen die Ungerechtigkeiten und Zumutungen dieser Welt schlägt, und der in der Darstellung Philip Marlowes durch Humphrey Bogart zu weltweitem Ruhm gelangte; diese Rolle übernimmt nun Veronica Mars. Während bei den klassischen Krimi noir die Gründe für das ambivalente Verhalten gegenüber Frauen und für die Einsamkeit des Protagonisten im Dunkeln bleiben, verkörpert Veronica Mars zwar die Unnahbarkeit, Cleverness und Coolness, enthüllt aber die Gründe für ihre nihilistische Weltsicht, ihre Enttäuschungen und daraus resultierenden Probleme, anderen zu vertrauen und sich nur auf sich selbst zu verlassen.

Veronica Mars hat nicht nur ihre beste Freundin und ihr gesellschaftliches Umfeld verloren, sie wurde auf einer Party unter dem Einfluß von KO-Tropfen vergewaltigt. Bei dem Versuch, die Vergewaltigung anzuzeigen, wird sie vom amtierenden Sheriff Don Lamb, Nachfolger und damit Gegenspieler ihres Vaters und einer ihrer Feinde, verhöhnt.

Gewalt gegen Frauen wird in “Veronica Mars” häufig thematisiert. Neben ihrer eigenen Vergewaltigung klärt sie in der ersten Staffel den Fall einer verschwundenen jungen Frau aus ihrem Wohnkomplex auf, die durch ihren Stiefvater vergewaltigt und schwanger wurde.
Dabei beschränkt sich die Serie nicht auf die Thematisierung sexueller Gewalt. Die zu Beginn der Serie vorgenommene Schwarz-Weiß-Zeichnung der Stadt Neptun bekommt früh Risse. Während die Stadt – nicht zuletzt durch die jeweils zu lösenden Fälle – immer mehr als Sumpf aus Korruption, gegenseitigen Gefälligkeiten, Intrigen und kaputten Beziehungen entlarvt wird, wird auch gezeigt, wie Gewalt innerhalb von Familien weitergegeben wird. So sehen wir, wie Logan Eccles – Exfreund von Veronicas toter Freundin Lily und zunächst als für Teen Soap Highschool Settings “obligatorisches Arschloch” in die Serie eingeführt – von seinem Vater Aaron, einem erfolgreichen Schauspieler, nicht nur geschlagen sondern auch noch weiter gedemütigt wird, wenn er für seine Prügel selbst einen Gürtel des Vaters aus dessen Umkleidezimmer auswählen muss. Als Aaron Eccles Tochter Trina von ihrem Freund verprügelt wird, schlägt er diesen zusammen und wirft ihn aus dem Haus. Bei diesen Darstellungen dreht sich schlicht der Magen um.

Für Veronica ist körperliche Gewalt bei der Lösung ihrer Fälle hingegen selten ein Mittel der Wahl, oft weist sie ihre Gegner_innen durch ihre verbale Schlagfertigkeit in ihre Grenzen. Zu ihrer Verteidigung hat sie zwar stets einen Teaser bei sich, lehnt Gewalt jedoch deutlich ab, wie wir hier in einem Dialog mit Logan hören, als sie ihm bei der Aufklärung des Verschwindens seiner Mutter hilft.

Veronica ist bei der Lösung ihrer Fälle äußerst kreativ, technikaffin, Fotographie ist ihr Hobby. Für komplexe Computerprobleme bittet sie ihre Freundin Mac um Hilfe. Dieser selbstverständliche Umgang mit Technik zeigt role models, wie sie immer noch viel zu selten zu sehen sind, die jedoch ein positives Identifikationspotential befeuern. Bewundernswert ist der Durchblick, den Veronica oft zeigt und sich eben nicht täuschen lässt und damit immer wieder überrascht. Sie hat einige wenige Freunde, die sie jedoch auch oft vor den Kopf stößt.

Eine widersprüchliche Rolle spielt Eli Navarro, Anführer der lokalen hispanischen Motoradgang. Nachdem Veronica nicht mehr zur It-Clique gehört, unterstützen sie sich zwar gegenseitig, er wirft ihr aber vor, noch immer “eine von ihnen” zu sein und in rassistischen Grundmustern zu denken, die Hispanics und ihre Nachkommen mit Kriminellen gleichsetzen. Die Verortung der hispanischen Jugendlichen als Gang-Mitglieder wurde auch von Fans der Serie gerügt, gleichwohl eingeräumt werden kann, dass Eli Navarro wie Veronica Mars eine sehr komplexe und widersprüchliche Rolle spielt, die sich abseits von starren Mustern bewegt und Probleme thematisiert, die in den meisten anderen Serien schlicht abwesend sind. Identifikationspotential bietet Veronica Mars nicht nur mit ihrem Außenseiterstatus, den viele erfahren, sondern auch ihrem Umgang damit.

Kristen Bell spielt Veronica Mars als elaborierte, intelligente und coole Frau, deren Verletztheit nicht unsichtbar bleibt. Dabei verharrt sie trotz der ihr widerfahrenen Ungerechtigkeiten jedoch nicht in einer passiven Opferrolle, sondern fordert für sich Respekt und auch von anderen, sich diesen zu verschaffen.

Einen Gegenentwurf zu ihrem Außenseiterstatus und den widrigen Bedingungen bildet die liebevolle Beziehung zwischen Veronica und ihrem Vater Keith, der ihre Unabhängigkeit bewundert, auch wenn er sie zugleich beschützen will. Beide haben zwar Geheimnisse voreinander und ermitteln teilweise unabhängig den Mord an Lily und enttäuschen sich gegenseitig von Zeit zu Zeit – ihre tiefe Beziehung wird jedoch nie in Frage gestellt. Keith Mars ist stolz auf Veronica und hört ihr respektvoll zu. Beispielhaft für die Komplexität der Serie kann nachfolgender Dialog gelten, indem Keith Mars seine Jugend als Bruce Springsteen Song persifliert und Veronicas Kritik an seiner sexistischen Wortwahl anhört. Anschließend wird ihre prekäre Lage thematisiert, wenn Keith Mars erklärt, dass sie nach einer Zugehörigkeit zur unteren Mittelschicht streben.

Auch hier wird deutlich, wie weit Handlung und Inhalt der Serie vom Mainstream Entertainment enfernt sind. Transgender, Don’t ask don’t tell, Homophobie, Sexismus, unterschiedliche Zugänge zu Bildung und Gesellschaft aufgrund finanzieller Verhältnisse, schnellere Verurteilungen zu Gefängnisstrafen für Arme und Straffreiheit für Reiche, Alkoholismus und seine Folgen, all dies wird in der ersten Staffel behandelt. Ttrotzdem wirkt die Serie nie komplett düster, sondern entwickelt nicht nur durch die sarkastischen und rhetorisch-kunstvolle Dialoge mit unzähligen pop- und hochkulturellen Querverweisen einen Sog, dem sich keine_r entziehen kann.
Dass der Mord an Veronicas bester Freundin Lily erst – anders als bei Twin Peaks – erst in der letzten Folge aufgeklärt wird und vorher nicht oder nur per Zufall erraten werden kann, spricht für die Qualität des Skriptes.Als eine Hommage an Buffy the Vampire Slayer kann die Besetzung mehrerer Schauspieler aus dem Cast, unter ihnen Alison Hannigan und Charisma Carpenter sowie ein Cameoauftritt von Joss Whedon, dem Schöpfer der Serie, verstanden werden.

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