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Boardwalk Empire – The Sky Is The Limit!

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Nucky Thompson ist die zentrale Figur in HBOs “Boardwalk Empire”, Schatzmeister der Stadt Atlantic City, mit hohem Einfluss auf das organisierte Verbrechen und die republikanische Politik. Er erhält Anteile aus allen Geschäften der Stadt, den Hotels, dem Glücksspiel, den Bordellen. Und er verteilt großzügig an diejenigen, die sich Hilfe suchend an ihn wenden. Hierfür kann er als Gegenleistung auf deren Unterstützung z.B. im Wahlkampf für die republikanische Partei zählen. Die Figur des Nucky Thompson, gespielt von Steve Buscemi, ist dem realen Nucky Johnson nachempfunden. Dieser regierte die Amüsierstadt Atlantic City über drei Jahrzehnte bis er 1941 wegen Steuerhinterziehung zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt wird. Er ist der Herrscher über den Boardwalk, jener berühmten Strandpromenade, an der Hotels, Theater, Kinos, Bars und Restaurants aufgereiht waren.

In den ersten fünf Minuten der 1. Episode sehen wir Nucky Thompson eine Rede vor der “Womens Temperance League” halten, einer Frauenvereinigung, die für Alkoholverbot und Frauenwahlrecht kämpft. Die Serie beginnt am Vorabend des 17. Januar 1920, dem Tag, an dem die Prohibitionsgesetze in Kraft treten. Der Alkoholschmuggel wird von nun an noch mehr Geld in Nuckys Kasse spülen.

Die Prohibition in den Vereinigten Staaten von Amerika war das landesweite Verbot von Herstellung, Transport und Verkauf von Alkohol zwischen 1919 und 1933. Der erhebliche Druck der Enthaltungsbewegung  sorgte dafür, dass der Volstead Act den Kongress trotz des Vetos von Präsident  Woodrow Wilson passierte. Die illegale Produktion und Verbreitung von Alkohol konnte allerdings unmöglich unterbunden werden. Allein in New York wurde in bis zu 30.000 “speakeasys”, also „Flüsterkneipen“ illegal hochprozentiger Alkohol ausgeschenkt.

Die bewaffneten und auf der Straße ausgetragene Bandenkämpfe um die Geschäftsanteile sorgten für eine zunehmende Kritik am Alkoholverbot, so dass die Prohibition im Februar 1933 schließlich wieder aufgehoben wurde. Die Strukturen des organisierten Verbrechens blieben jedoch bestehen und verlegten sich auf den Handel mit anderen illegalen Betäubungsmitteln wie Opium.

Die Enthaltungsbewegung wurde maßgeblich von Frauen mitgetragen, insbesondere der “Womans Christian Temperance Union”. Der Hintergrund hierfür war der übermäßige Alkoholkonsum der arbeitenden Bevölkerung.  Die Einführung des industriell produzierten Branntweines hatte zu Elendsalkoholismus insbesondere in den einkommensschwachen Schichten geführt. Frauen und Kinder waren oftmals der Gewalt ihrer alkoholisierten Männer und Väter ausgesetzt. Wenn diese außerdem den kompletten Lohn in Alkohol umgesetzt hatten, blieb nichts für die Ernährung der Familie.

Nucky Thompson profitiert vom Alkoholschmuggel und wirbt gleichzeitig für das Frauenwahlrecht, anders als andere republikanische Politiker, denn so Nucky: “a vote is a vote”. Vergleichsweise viele Frauen spielen in “Boardwalk Empire” eine wichtige Rolle, was für das Gangsterfilmgenre als durchaus ungewöhnlich bezeichnet werden kann. Im Zentrum des Geschehens steht die irische Migrantin Margaret Schroeder – ebenfalls eine Verfechterin des Frauenwahlrechtes.

Margaret sieht sich bald vor die Wahl gestellt, mit der Frauenvereinigung gegen Nuckys Welt der Korruption zu kämpfen oder das luxuriöse und aufregende Leben zu genießen, welches ihr die Beziehung zu Nucky ermöglicht.

Eine andere interessante Frauenfigur ist Angela, eine Künstlerin, deren unabhängiges Leben sich ändert, als Jimmy – der Vater ihres Sohnes, mit dem sie nicht verheiratet ist – aus dem 1. Weltkrieg zurückkehrt. Ihre Liebesbeziehung zu Mary hat unter diesen Umständen keine Chance, was wir zutiefst bedauern, wie auch die nicht stattgefundene Flucht der beiden nach Paris. In unserer Fantasie haben wir die beiden schon in den Literatursalons und Cafés der Left Bank die Bekanntschaft von Gertrude Stein, Thelma Wood, Alice B. Toklas und Djuna Barnes machen sehen.

Der 1854 gegründete Kurort Atlantic City im Bundesstaat New Jersey entwickelte sich schnell zu einem beliebten Ferienresort. Während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts besuchten jährlich zehn Millionen Menschen die Stadt. Atlantic City hatte die größten Hotels und die größte Strandpromenade der Welt. Der Historiker Bryant Simon beschreibt sie in Boardwalk Dreams: Atlantic City and the Fate of Urban America als die erste Stadt, die aus dem Nichts errichtet wurde und ausschließlich der Produktion und dem öffentlichen Konsum von Unterhaltung diente.

Bryant analysiert außerdem, dass die ethnische Segregation eine entscheidende Rolle für das Urlaubserlebnis spielte. Die weißen Mittelklasse-Besucher ließen sich von unterbezahlten Afroamerikanern in fahrbaren Korbstühlen den Boardwalk rauf und runter schieben. Einen schwarzen Bediensteten zu haben – und sei es nur für eine Stunde – gab den weißen Besuchern das Gefühl, etwas Besseres zu sein. Atlantic City diente als Bühne für diese öffentliche Performance der angeblichen ethnischen Überlegenheit, der Nivellierung von Klassenunterschieden und des sozialen Aufstieges – und war genau deshalb zwischen 1915 und 1965 so beliebt.

Afroamerikanische Touristen waren vom Flanieren auf dem Boardwalk ausgeschlossen und badeten an einem separaten Strand. Dies änderte sich erst mit der Bürgerrechtsbewegung. Straßenecken, Hotellobbies, Bars und Kinos waren nun auch für Schwarze zugänglich. Darauf reagierte die weiße Mittelklasse mit Flucht in separate Vororte, Einkaufszentren und Themenparks, wie z.B. Disneyworld.
Weiße Mittelklasse-Touristen kehrten erst nach Atlantic City zurück als 1978 das erste von 12 Casinos eröffnete. Allerdings verbrachten sie ihre Zeit ausschließlich in der stark bewachten, hermetisch abgeschlossenen Glitzerwelt der Casinos. Die heruntergekommenen Häuser, die mit Brettern verschlagenen geschlossenen Geschäfte und die armen afroamerikanischen Wohnquartiere bekamen sie nicht zu Gesicht.
Die Spielindustrie hat Atlantic City trotz Jobs und Steuern nicht retten können. Die Bevölkerungszahl hat sich inzwischen halbiert und die aktuelle Wirtschaftskrise hat die Stadt hart getroffen. Die Umsätze der Casinos sanken ins Bodenlose, Tausende Jobs gingen verloren. Zudem haben in Pennsylvania, New York und Massachusetts rivalisierende Casinos eröffnet.

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