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United States of Tara: Gesplitterte Persönlichkeit

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Die Pilotfolge hält sich nicht mit Erklärung oder Einführung auf: Eine weiße Frau Ende Dreißig, Anfang 40 sitzt verzweifelt vor einer Kamera und versichert sich ihrer Identität. “Ich bin Tara.” Wenig später sehen wir, wie ein Rucken ihres Kopfes eine innere persönliche Veränderung ankündigt, wie sie dann einen Bungalow verläßt und ein Haus betritt. Während sie in die 1. Etage läuft, entledigt sie sich aller Kleider. Kurz darauf kommt eine Teenagerin, die wir später als Taras Tochter Kate kennenlernen ins Haus, hört laute Musik, beendet ihr Telefonat und begrüßt dort die Frau, die sich uns als “Tara” vorgestellt hatte, als “T”.
“T” hat Taras Kreditkarten geklaut und ist nun eine oversexte Teenagerin, die mit permanenten Hinweisen und Anspielungen auf Sex, den sie möchte, und durch ihre aufreizende Kleidung provozieren will. Schnell werden die weiteren Hauptfiguren eingeführt: Marshall, Taras Sohn und Max, ihr Ehemann, der T’s Verhalten eher nachsichtig amüsiert betrachtet. Als Charmaine, Taras Schwester eintrifft und die Situation als Unglück betrachtet, erklärt ihr Marshall, dass sie eigentlich alle “T” am meisten mögen.

Tara leidet unter einer dissoziativen Identitätsstörung, hierzulande auch als multiple Persönlichkeitsstörung bekannt. Bei dieser Störung, bilden die Betroffenen zahlreiche unterschiedliche Persönlichkeiten, die abwechselnd die Kontrolle übernehmen. Dabei können sich die Betroffenen meist nur schemenhaft an die Erlebnisse ihrer anderen Persönlichkeiten, hier “alters” genannt, erinnern, oder erleben sie gar als Handlungen einer anderen Person. Als Ursache wird eine posttraumatische Belastungsstörung, insbesondere nach Mißbrauch in der Kindheit vermutet. Allerdings ist die Krankheit umstritten, ob es sich also um eine echte Störung handelt, oder ob die Krankheit iatrogen, also vom Arzt erzeugt, oder nur ein kulturelles Phänomen ist. Häufig treten bei von DID betroffenen Personen Folgestörungen auf: Depressionen, Suchterkrankungen, psychosomatische Störungen, Angst.

United States of Tara ist eine Drama Comedy. Hier wird eine Persönlichkeitsstörung von den meisten als exzentrisch toleriert. Setting der Serie sind die Vorstädte von Kansas City, gerade groß genug, um nicht als “die gestörte Familie” aus dem öffentlichen Leben ausgegrenzt zu werden.

Produziert wird die Serie von Steven Spielberg, der als Drehbuchautorin Diablo Cody verpflichtete. Diablo Cody, eigentlich Brook Busey, die für ihr Drehbuch zum großartigen Film “Juno” 2007 einen Oscar gewann, schrieb hier erstmals für ein Serienformat. In einem Interview bekannte sie, wie schwer ihr dies fiel. Nicht zuletzt deshalb ist die Serie unglaublich komplex.
In feministischen Kreisen ist sie manchmal aufgrund ihrer Vergangenheit als Stripperin und für ihr darüber geschriebenes Buch umstritten, weil ihre Arbeit in der Sexindustrie ihren jetzigen Erfolg zu schmälern scheint bzw. negativ konnotiert.  Melissa Silverstein vom “Women in Hollywood Blog” verteidigt jedoch Diablo Cody. Zitat: “Sie steht zu sich und ihren Überzeugungen und für Frauen und Feminismus. Wer sonst in Hollywood bekennt so öffentlich und stolz Feministin zu sein und dass alles, was sie tut, mit Feminismus durchdrungen ist? Lasst mich überlegen. No one.” Zitatende.

Tara Gregsons verschiedene Persönlichkeiten, von denen einige erst später enthüllt werden, sind grotesk überzeichnet und selten symphatisch. Neben “T”, der oversexten Teenagerpersönlichkeit, gibt es noch Alice, Buck, Shoshana Schoenbaum, Chicken und Gimme. Wenn Tara in Streßsituationen gerät, mit denen sie nicht umgehen kann, übernimmt eines ihrer Alter Egos.

Alice scheint direkt aus den 50er Jahren zu stammen: adrett gekleidet, perfekt in Haushaltarbeit, Kochen und Backen und täglich betend. Sie wünscht sich ein Kind von Max, den sie zwar als Ehemann kennt, dabei aber Kate und Marshall nicht als ihre eigenen Kinder sieht. Max hat allerdings eine Absprache mit Tara, nur mit ihr zu schlafen, nicht mit ihren Persönlichkeiten. Besonders verstörend wird Alice – als wenn all das Putzen nicht genug wäre – wenn sie Kate den Mund mit Seife auswäscht. Kein Wunder, dass Kate Alice hasst.

Buck hingegen ist der einzige Mann in der Gruppe der alters. Große Brille, kettenrauchend, trinkend, Vietnamveteran. Damit erklärt Buck auch, warum er keinen Penis mehr hat, der wurde ihm nämlich weggeschossen. Er ist auch die einzige homophobe Persönlichkeit – ein harter Kontrast zu Tara, die Marshall sehr liebevoll begegnet. Gleichzeitig kann Buck Kate und Marshall körperlich verteidigen, auf eine Art und Weise, die Tara nicht möglich wäre. Und egal wie abstoßend er daherkommend, gemeinsame Bowling Abende oder Ausflüge auf die Shooting Ranch sind willkommene Abwechslungen im irren Familienalltag.

T, Alice und Buck, die extremste Stereotype darstellen, werden erst durch die Begegnungen und Interaktionen mit anderen nuanciert.
Die Beziehungen zwischen Tara, ihren alters und ihrer Familie sind komplex, und gestalten sich zunehmend schwieriger.

Der 14jährige Marshall, dessen Homosexualität von Anfang an klar ist, also ohne Coming Out Geschichte auskommt, ist ein ruhiger Junge, der in der Vergangenheit, seien es Kinofilme oder Musik, schwelgt. Als T, Taras Teenager Alter Ego, jedoch Jason verführen will, den ersten Jungen, den er geküsst hat, brennt er Taras Refugium, einen kleinen Bungalow, nieder. Marshall hatte Jason in einer christlichen Jugendgruppe kennengelernt, in der die Mitglieder bei Performances Sex unter Unverheirateten und Homosexualität als Todsünden und Vorboten der Apokalypse darstellen. Später wird Jason ein Mädchen daten und damit Zeiten repräsentieren, in denen Homosexualität nach außen hin nicht oder nur schwer gelebt werden konnte. Im Gegensatz dazu kann Marshall mit den laut und offensv auftretenden Schwulen an seiner Schule nicht viel anfangen und wendet sich seiner Freundin Courtney zu. Nachdem beide Sex hatten, stellt sie Jasons Counterpart dar, indem sie davon ausgeht, dass Marshall sie ja trotzdem heiraten könnte.

Auch Kates Beziehung zu Tara und ihren verschiedenen Persönlichkeiten wird schwieriger. Sie arbeitet zeitweise in einem Diner, dessen Chef sie – ohne Erfolg – auf Schadenersatz wegen sexueller Belästigung verklagt, und vor dessen Stalking sie flieht. Nachdem sie bei einer Schuldeneintreibungsagentur eine der Schuldnerinnen als Künstlerin und Comicautorin identifiziert hat und sich mit ihr anfreundet, drehen beide zusammen Videos mit Kate als “Princess Valhalla Hawkwind”. Bei einer Comic Convention lernt sie, dass sich Geld damit verdienen lässt, wenn sie als ihr Comic alter ego via Skype post, und Männer bereit sind, eine Menge Geld zu zahlen, wenn sie sich mit ihren Hotpants auf einen Kuchen setzt und dabei überrascht schaut. Als Marshall sie fragt, ob das denn nicht Prostitution wäre, antwortet sie “Wenn es Prostitution ist, dass ich etwas tue, um etwas zu bekommen, sind alle Frauen Nutten.”

Max, Taras Ehemann, scheint unendliche Geduld zu besitzen. Er unterstützt Tara bei ihren Versuchen herauszufinden, wodurch es zur dissoziativen Persönlichkeitsstörung kam und begleitet sie zur Therapie. Allerdings bricht auch seine freundliche Fassade kurz, als Pammy, eine Kellnerin, mit Tara als Buck ihre erste lesbische Beziehung eingeht und dies enthüllt wird.Tara erfährt ihrerseits von dieser Beziehung, als sie früh in Pammys Bett erwacht, in das sie als Buck ging und flieht nach Hause. Als sie später als Tara zu Pammy geht, um mit ihr zu sprechen, scheint ihr jedoch eine lesbische Beziehung unmöglich. Eine öffentliche Liebeserklärung von Pammy lässt dann Max ausflippen, und er schlägt einen ehemaligen Geschäftspartner zusammen.

Alle Alter Egos scheinen zur Familie zu gehören, Tara befallen aber immer häufiger Zweifel an ihrer Zugehörigkeit. Nach 17 Jahren Ehe fühlt sie sich weniger begehrt und hat mit den Transformationsprozessen ihrer Familie eigentlich genug zu tun. Nicht ganz klar wird, ob Taras unterschiedliche Persönlichkeiten Teile ihrer ganzen Persönlichkeit sein sollen, oder ob sie eher dafür stehen sollen, dass nie alle Teile einer Persönlichkeit berücksichtigt werden, oder als Sinnbild für die verschiedenen Rollen, die wir selbst darstellen müssen – je nachdem, in welchem Umfeld wir uns befinden. Toni Colette, die Tara und ihre Persönlichkeiten darstellt, scheint sogar ihre Physis zu verändern, wenn sie die verschiedenen Rollen einnimmt. Zu Recht hat sie dafür mehrere Preise gewonnen.

United States of Tara lässt uns verwirrt zurück. Neben vielen Erzählsträngen, die – egal wie komplex und schwierig Zusammenhänge dargestellt werden – selten eine gewissen Leichtigkeit, Comedy eben, missen lassen, sind viele Widersprüche enthalten, die Stereotypisierung der alters zu stark, die Geschichte der Entstehung der alters noch nicht vollständig geklärt.

Genug Stoff für die 3. Staffel, die am 28. März startet.

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  1. Pingback: New Fall Season 2011 – previously...

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