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Renegades in Outaspace – Firefly und der Frontier-Mythos

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High Noon im Tal des Todes. Auf der einen Seite eine Bande berittener Outlaws, auf der anderen Malcolm Reynolds und Zoë Washburne. Der geplante Deal zwischen den beiden Parteien platzt, die Revolver werden gezogen, beim Schusswechsel stirbt die Hälfte der Bande, Malcom und Zoë bemächtigen sich zweier Pferde und fliehen. Nächste Szene: Ein Raumschiff landet in der Steppenlandschaft und nimmt die beiden Flüchtenden auf.

Wie jetzt? Revolver und Pferde oder Raumschiffe und Laserkanonen?

Beides, denn die Rede ist natürlich von Firefly, der Science-Fiction-Western-Serie von Joss Whedon. Der hatte mit Buffy und Angel zwei sehr erfolgreiche Konzepte vorgelegt und wurde daher 2002 vom Fernsehsender FOX für den Entwurf einer neuen Serie engagiert. Leider erkannte FOX den Reiz und die Originalität des Ergebnisses nicht an und verschlampte unter anderem die Fernsehpremiere, indem er statt des Pilotfilms von Firefly entgegen der Handlungslogik die zweite Folge ausstrahlte. Die Einschaltquoten erfüllten schließlich nicht die Erwartungen des Senders, so dass die Serie nach dem Motto „Masse statt Klasse“ bereits mitten in der ersten Staffel abgesetzt wurde. Shame on you, FOX, mit HBO wär das nicht passiert – und wir warten weiterhin sehnsüchtig auf eine Art HBO-Sender für Science Fiction.

Zurück zur Handlung von Firefly:

Im 26. Jahrhundert hat die Menschheit ein entferntes Sonnensystem kolonialisiert. Dessen zahlreiche Planeten und Monde wurden durch Terraforming bewohnbar gemacht. Die zentralen Planeten sind hochtechnisiert und entwickelt. Sie werden von einer starken Staatsmacht, der sogenannten „Allianz“ regiert und kontrolliert. Auf den äußeren Planeten und Monden aber hat diese Regierung wenig bis kaum Einfluss. Zwar führte die Allianz sechs Jahre vor Handlungsbeginn siegreich einen Vereinigungskrieg gegen die bis dato unabhängigen Welten, doch dienen die entlegenen Gebiete des Sonnensystems weiterhin als Rückzugsgebiet für ihre Gegner oder auch nur diejenigen, die von ihr einfach nur in Ruhe gelassen werden wollen – eine Mischung von Outlaws, Mafiosi, Pionieren und Abenteurern, deren Gesellschaft ganz eigenen Regeln gehorcht. Da in diesen abgelegenen Gebieten der Technisierungsgrad relativ gering ist, wird dort noch zu weiten Teilen auf menschliche und tierische Arbeitskraft zurückgegriffen. Die Verhältnisse erinnern an Darstellungen des Westens der USA zu Siedlerzeiten in Western. Der Hauptcharakter der Serie, Malcolm Reynolds, kämpfte im Unabhängigkeitskrieg – eine deutliche Anspielung auf den Amerikanischen Bürgerkrieg – auf der Verliererseite. Nun ist er Captain eines kleinen und veralteten, aber unabhängigen Transportschiffes der Firefly-Klasse, der „Serenity“. Er und seine Crew versuchen, durch kleine Transportaufträge und Gaunereien zu überleben.

Der Mix aus Western und Science Fiction mag gerade für europäische Zuschauerinnen und Zuschauer ungewöhnlich erscheinen. Für die US-amerikanische Science Fiction ist diese Verbindung jedoch nicht ungewöhnlich, sondern im Gegenteil konstitutiv, zumindest was das Subgenre der Space Opera betrifft. Denn in den USA verbanden sich seit eh und je Raumfahrtphantasien mit dem Frontier-Mythos.

Der Frontier-Mythos war der Motor der US-amerikanischen Westexpansion des 19. Jahrhunderts. Die „frontier“, also Grenze, bedeutete die Grenze der Zivilisation, die es immer weiter auszudehnen galt. In dessen Zentrum stand die Besiedlung und Befriedung des frontier land. Damit verbunden ist die Vorstellung einer Gesellschaft, die gewissermaßen gerade erst angefangen hat, der alle Möglichkeiten und Chancen offenstehen. Der Frontier-Mythos prägte bedeutend amerikanische Werte wie Pioniergeist, Aktivismus, Individualismus und Patriotismus, aber auch einen stark religiös verankerten Technik- und Fortschrittsoptimismus. Letztendlich liegt das spezifisch US-amerikanische Selbst- und Sendungsbewusstsein hierin begründet.

Die frühe US-amerikanische Science Fiction nun hatte um 1890 einen Verlust zu verarbeiten: den der closing of the frontier: Mit dem Ende der Erschließung des westlichen Grenzgebietes stieg die Zahl an Raumfahrtliteratur in den USA signifikant an. Allein dies deutet bereits darauf hin, dass die mit dem Grenzland verbundenen Wünsche und Sehnsüchte nun auf den Weltraum projiziert wurden. Eine ehedem horizontale Grenze richtete sich nun in die vertikale. Der Medienwissenschaftler Georg Seeßlen bezeichnete denn auch einmal den US-amerikanischen Astronauten als die Fortführung des Westmannes im All, „der von Planet zu Planet zieht wie der Cowboy von Wasserstelle zu Wasserstelle.“

Gene Roddenberry, Schöpfer des Star Trek Universums, schwebte bei der Konzeption von Raumschiff Enterprise denn auch ein „Wagon Train to the Stars“ vor. Dessen Intro wie auch noch das seines Nachfolgers Star Trek: The Next Generation beginnt dementsprechend mit folgenden Worten: „Space. The Final Frontier…

Firefly hat diese Grundlagen US-amerikanischer Space Opera explizit gemacht. Und auch sonst bietet die Serie einiges an Innovationen, an denen sich nachfolgende Serien wie z.B. Battlestar Galactica orientierten, und die Firefly zu einem modernen oder eben auch postmodernen Klassiker des Science Fiction TV machten:

Neben den natürlich vorhandenen futuristischen Gadgets bietet der Genremix einiges an Retro-Technik und archaischer Ausstattung. Die dadurch erzeugte Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen bezieht sich dementsprechend auch auf die Darstellung sozialer Ungleichheits-Verhältnisse; futuristische Megastädte präsentieren sich neben ärmlichen Siedlungen. Daneben sind starke asiatische Einflüsse erkennbar. Viele Charaktere tragen Kimonos und auf den Handelsposten wird vornehmlich asiatisches Essen angeboten. Gesprochen und geschrieben wird ein Mix aus Englisch und Chinesisch, wobei letzeres zugunsten des Zuschauerverständnisses zumeist auf Fluch- und Kraftausdrücke beschränkt bleibt.

Natürlich nicht zu vergessen sind die sympathischen Charaktere der Firefly-Crew, die auch hinsichtlich des Gender Trouble einiges zu bieten haben – zu nennen wären neben der raubeinigen ersten Offizierin Zoë Washburne und der hippiesken Schiffsmechanikern Kaylee Frye auch die kontroverse Figur der Inara Serra, einer sogenannten Companion: Im Firefly-Universum ist das Kurtisanenwesen akademisch institutionalisiert, ihre Angehörigen stellen in der Western-Gesellschaft hoch angesehene Persönlichkeiten dar, für deren Begleitung Mann oder Frau sich bewerben muss.

Viele Konventionen der Science Fiction wie auch des Westerns werden konsequent durch den Kakao gezogen: Menschen, die an Außerirdische glauben, werden als hinterwäldlerische Schwachköpfe betrachtet, die Kuhherde, die als Frachtgut von einem Planeten zu einem anderen gebrachten werden soll, scheißt den gesamten Laderaum zu, ein klassisches Duell wird von Malcolm durch einen völlig unehrenhaften Faustschlag beendet.

Und zuguterletzt gibt es natürlich zig Geschichten, die den Heroismus des einsamen Westmannes gründlich konterkarieren. Am schönsten zeigt sich dies in der Folge Jaynestown: Jayne Cobb, angeheuerter Söldner in der Firefly-Crew, recht einfach gestrickt, egoistisch und nur auf das Recht des Stärkeren setzend, wird durch ein gründliches Missverständnis zum Robin Hood einer kleinen Gemeinde am Rande des Universums erkoren, inklusive Heldenstatue und Heldenpoem …

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