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Boardwalk Empire: Kosher Nostra & Queeres Leben in Atlantic City

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Von September bis Dezember 2011 strahlte HBO die zweite Staffel von “Boardwalk Empire” aus. Das Staffelfinale war für viele Serienfans ein Schock. Wie wir es bereits von anderen HBO-Qualitätsproduktionen kennen, wird für eine glaubhafte Story auch auf Hauptdarsteller keine Rücksicht genommen. Mehr wird nicht verraten, um allen, die die 2. Staffel noch sehen wollen ein überraschendes Finale zu sichern. Gelegenheit die 2. Staffel zu sehen, gibt es im Übrigen ab 29. Februar beim deutschen Bezahlsender TNT, wahlweise in deutscher oder englischer Sprachfassung.

Boardwalk Empire – die TV-Serie über das organisierte Verbrechen in der Amüsierstadt Atlantic City zu Zeiten der Prohibition weist einige interessante Protagonisten auf. Dazu zählen Arnold Rothstein, Meyer Lansky und Bugsy Siegel. Alle drei Figuren gehen auf reale Personen zurück. Sie gehörten zur Kosher Nostra – dem jüdischen Gegenstück zur italienischen Cosa Nostra. Die Kosher Nostra entstand im Zuge der  Einwanderung aus Osteuropa im späten 19. bis frühem 20. Jahrhundert. Zwei Millionen osteuropäische Jüdinnen und Juden, die meisten aus Russland, zogen in die Städte der Ostküste und des Mittleren Westens. Das goldene Zeitalter der Kosher Nostra – wie auch für alle anderen Mobster-Gruppen – brach 1920 mit der Prohibition an. Alkohol musste hergestellt, transportiert, verteilt, Territorien mit Waffengewalt geschützt werden.

Arnold Rothstein – legendärer Zar der Unterwelt – hatte seine Finger im illegalen Spiel, finanzierte neben dem Alkoholhandel auch Drogengeschäfte, verlieh Geld an Firmen und kaufte Richter wie Politiker. Meyer Lansky und Bugsy Siegel wuchsen beide im New Yorker Williamsburg auf, waren als “Bugs and Meyer Mob” bekannt und verlagerten nach Ende der Prohibition ihre Aktivitäten hin zu Auftragsmorden und ins Glücksspielbuisness. Bis zu 70 Prozent des Alkoholschmuggels in New York beherrschte die Kosher Nostra. Ihr illegal erworbenes Vermögen musste gewaschen werden. Es wurde daher großzügig in Radiostationen, Musikclubs, Revuetheater und in die Schallplattenindustrie investiert.

“Jewish Gangster Greatest Hits” haben der Musikproduzent Shantel und der israelisch-österreichische Künstler Oz Almog aufgespürt und im vergangenen Jahr auf einem Album herausgebracht. Es handelt sich um eine Sammlung von Swing, Jiddish Jazz und Rock’n’Roll aus den 1920er bis 1960er Jahren. Dem dazugehörigen Booklet können umfangreiche Informationen über die Geschichte der Kosher Nostra und der Künstler_innen entnommen werden. Berichtet wird auch über den Schutz der Häfen, die der US-Geheimdienst zu Beginn des 2. Weltkrieges gemeinsam mit Lucky Luciano und Meyer Lansky organisierte. Die US-Marine leugneten zwar nach Kriegsende jede Mitwirkung der  Mafia an militärischen Aktivitäten der USA, offizielle Untersuchungen kamen aber zu anderen Ergebnissen.

Für den Aufbau des Staates Israel leisteten die jüdischen Gangster, insbesondere Siegel umfangreiche finanzielle Unterstützung, bevor – mit dem Tod der meisten Beteiligten – die Ära der Kosher Nostra zu Ende ging. Anders als beim organisierten Verbrechen anderer Minderheiten war die Kosher Nostra das Phänomen nur einer Generation. In den 1950er Jahren zogen Jüdinnen und Juden aus den verarmten und herunter gekommenen Stadtvierteln in die Vorstädte und schickten ihre Kinder auf Universitäten.

Aber zurück zu Boardwalk Empire: Leider wird den Nebenfiguren nicht die gleiche umfangreiche Aufmerksamkeit zuteil, wie der Glaubhaftigkeit der Story und der Entwicklung der Hauptfiguren. Augenscheinlich ist dies bei der Figur der Angela Darmody. Ihre Beziehung zu Mary Dittrich wird mit deren Weggang nach Paris abrupt beendet. Kurz zuvor war überraschend Angelas im 1. Weltkrieg verschwunden geglaubter Verlobter und der Vater ihres Kindes nach Atlantic City zurückgekehrt. Angela und Jimmy Darmody entscheiden sich zunächst dafür zusammen zu bleiben, realisieren aber beide gegen Ende der 2. Staffel, dass sie sich eigentlich nicht lieben. Etwa zu dieser Zeit lernt Angela Louise kennen.

Dass die beiden bereits in der übernächste Folge erschossen werden, kann man für eine tragischen Zufall halten – andere nennen es “killed by lazy writing”. Denn nur weil Angela nicht in die Rolle der Ehefrau von Jimmy Darmody passt, muss man sie nicht gleich sterben lassen. Sie hätte erstens eine eigene Geschichte verdient und zweitens spielte Atlantic City eine wichtige Rolle im Kampf um Gleichberechtigung von Homosexuellen. Dieser Umstand kann den Drehbuchschreibern bei ein bisschen Beschäftigung mit der Stadtgeschichte eigentlich nicht entgangen sein. Offenbar ist dieser Aspekt aber nach deren Einschätzung nicht wichtig genug um erzählt zu werden, weshalb wir es hiermit tun:

Der 1854 gegründete Kurort Atlantic City entwickelte sich schnell zu einem beliebten Ferienresort. Der Historiker Bryant Simon beschreibt sie in seinem Buch “Boardwalk Dreams: Atlantic City and the Fate of Urban America” als die erste Stadt, die aus dem Nichts errichtet wurde und ausschließlich der Produktion und dem öffentlichen Konsum von Unterhaltung diente. Von Beginn an wurden auch schwule Männer und lesbische Frauen von der weltgrößten Strandpromenade angezogen. Ab den 1920er Jahren gab es Drag Shows und einzelne Schwulen-freundliche Bars. Diese Entwicklung verstärkte sich während des 2. Weltkrieges. Das Militär trainierte an den Stränden von Atlantic City für den D-Day – den Tag der Landung alliierter Truppen in der Normandie. Soldaten aus den gesamten Vereinigten Staaten bevölkerten den Boardwalk, die Kinos, Restaurants und Clubs. Wie überall eröffnete auch in Atlantic City die Mobilmachung einen Freiraum. Fern von Überwachung durch Eltern und Nachbarn hatten junge Frauen und Männer Gelegenheit ihre Sexualität und ihr Begehren zu erkunden. Und einige von ihnen fanden ihren Weg in die Bars der New York und Westminster Avenue. Nachdem die Soldaten die Stadt verlassen hatten, kehrten die Tourist_innen zurück und das homosexuelle Leben in Atlantic City entwickelte sich und wurde sichtbarer.

Dennoch oder gerade deshalb blieben die Bewohner und Gäste Atlantic Citys nicht vom Nachkriegs-Backlash gegen Homosexualität verschont. Mit der erstarkenden Angst vor dem Kommunismus wuchs auch die Repression gegen lesbische Frauen und schwule Männer. In den frühen 1950er Jahren beteiligte sich die Alcohol Beverage Control – eine staatliche Regulierungsbehörde die den Ausschank von Alkohol überwachte – am Kampf gegen homosexuellenfreundliche Bars. Die ABC sorgte ab 1953 für die zeitweilige Schließung von Val’s – einer kleinen Bar, die in einer ehemaligen Autowerkstatt Ecke New York – Pacific Avenue untergebracht war. Während einer zweiten Kampagne 1966 organisierte die Behörde Undercover-Besuche und ordnete schließlich 1967 die Schließung der Bar an, weil in Val’s Männern das Miteinander Tanzen erlaubt war. Die Betreiber beschlossen, dies nicht hinzunehmen und annoncierten in Tageszeitungen, dass die Bar geöffnet bleibt. Und sie entschieden sich noch einen Schritt weiter zu gehen und brachten die ABC vor Gericht. Dabei wurden sie von der Homosexual Law Reform Society unterstützt. Der Fall “One Eleven Wines and Liquors, Inc.” v. “Division of Alcoholic Beverage Control” durchlief die Gerichte New Jerseys bis vor das Oberste Bundesgericht.

Dieses kam – für viele überraschend – zu dem Urteil, dass “sich sittsam verhaltenden Homosexuellen der Zugang zu Bars nicht verboten werden darf”. ABC wurde außerdem untersagt, Bars, in denen sich Homosexuelle aufhalten dürfen die Ausschanklizenz zu entziehen. Im Zuge dieses Erfolges vor Gericht wurde Val’s ein regionales Symbol homosexuellen Widerstands gegen staatliche Repression. Fortan pilgerten Homosexuelle aus Städten der gesamten Ostküste nach Atlantic City um Val’s einen Besuch abzustatten. Vor der kleinen Bar bildete sich allabendlich eine lange Schlange Wartender. Bryant Simon interpretiert diese überwältigende Resonanz auf den Sieg von Val´s als aufschlussreichen Vorboten für die Entschlossenheit, den staatlichen Schikanen entgegenzutreten, wie sie zwei Jahre später im Zusammenhang mit den Razzien im Stonewall Inn in New York zum Ausdruck kam.

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