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Zwischen Schweinepriestern und C*cks*ck*rn: Die Frauen von Deadwood

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„Seit langem fühlen wir uns […] angezogen von weiblichen Charakteren, die versuchen, ihren Weg im Dickicht von Sex und Sexualität, Lust und Romantik, Kraft und Macht, Lebensentscheidungen und Identitäten zu finden und auch darüber zu sprechen, während sie innerhalb einengender narrativer Welten funktionieren, in denen ihnen nichts geschenkt wird.“ *

Diese Aussage, die von den Medienwissenschaftlerinnen Kim Akass und Janet McCabe vorzugsweise auf HBO-Serien bezogen wurde, welche in der US-amerikanischen Gesellschaft der Gegenwart angesiedelt sind, gilt umso mehr für das historische Setting der Western-Dramaserie Deadwood, die von 2004 bis 2006 von besagtem Sender produziert und ausgestrahlt wurde.

Die heutige Kleinstadt Deadwood in South Dakota wurde 1876 auf exterritorialem Siouxgebiet als Zeltlager von Goldgräbern und Abenteurern gegründet. Zur Infrastruktur der ersten Stunde gehörten neben Gastwirtschaft, Hotel und Postamt gleich mehrere Saloons und Bordelle. Das bekannteste davon, das „Gem Theatre“, ist zentraler Schauplatz der Fernsehserie Deadwood, die von der Entstehung dieses Ortes erzählt und dabei US-amerikanische Frontier-Geschichte mit Fiktion vermischt. Viele der Charaktere basieren auf historischen Figuren, wie der Besitzer des Gem Theatre Al Swearengen, der spätere Sheriff Seth Bullock, der Revolverheld Wild Bill Hickock und die Westernheldin Calamity Jane. 

Die deutliche Mehrheit der zu jener Zeit in Deadwood ansässigen Frauen waren Prostituierte, die folgerichtig auch in der Serie einen Großteil der weiblichen Charaktere ausmachen. Ob und wie es die Serie schafft, diesen Figuren trotz einer per se einen Objektstatus anzeigenden Tätigkeit Integrität und Subjektivität zu verleihen, wollen wir im Folgenden nachgehen. Dazu werden wir die vier zentralen Frauenfiguren der Serie vorstellen: die Prostituierte Trixie, die Goldminenbesitzerin Alma Garret, die Bodellbetreiberin Joanie Stubbs und die Westernheldin Calamity Jane.

Trixie (Paula Malcomson) arbeitet im Gem Theatre als Prostituierte und tritt im Allgemeinen sehr freimütig, großmäulig und vulgär auf. Sie ist Favoritin und enge Vertraute von Bordellbesitzer Al Svearengen (Ian McShane), zu dem sie sich zu Serienbeginn jedoch in einer nahezu vollständigen Abhängigkeit befindet – ökonomisch, physisch und psychisch zugleich. Obwohl er sie regelmäßig schlägt, kehrt sie immer wieder zu ihm zurück. Erst im Laufe der Serie stellt sich heraus, dass dieses Abhängigkeitsverhältnis durchaus beidseitig besteht. Dahingegen wird sehr schnell deutlich, dass Trixie hinter ihrer harten Schale einen wenn nicht unbedingt weichen, so doch sehr sozialen Kern verbirgt, kombiniert mit einem ausgeprägten Hang, sich in anderer Leute Angelegenheiten einzumischen. Im Übrigen erfahren wir nie ihren Nachnamen. Als sie bei der feierlichen Eröffnung der Bank of Deadwood als erste Einzahlerin ihren vollen Namen angeben soll, antwortet sie mit „Trixie, the Whore“.

Alma Garret (Molly Parker) begleitet ihren Ehemann Brom Garret (Timothy Omundson) aus der New Yorker High Society nach Deadwood, der dort das große Goldrauschabenteuer sucht. Gleichzeitig gelangweilt wie angewidert von den Verhältnissen vor Ort frönt sie ihrer Laudanumabhängigkeit, bis sie durch den Mord an ihren Mann, der sich wegen eines faulen Claimhandels mit Svearengen angelegt hatte, aus ihrer Passivität herausgerissen wird. Nunmehr Witwe erfährt sie, dass der von ihrem Mann gekaufte Claim entgegen den eigentlichen Annahmen Svearengens eine überaus reiche Goldmine enthält. Zur Verwaltung ihres neuen Besitzes und auch aufgrund ihrer heimlichen Liebe zu Sheriff Seth Bullock beschließt Alma, in Deadwood zu bleiben. Nach einem Drogenentzug betätigt sie sich nun als erfolgreiche Geschäftsfrau, wenn auch ständig bedroht von der Familie ihres verstorbenen Mannes, die ihr den Mord anhängen will, um selbst an die große Beute zu kommen.

„Calamity Jane“ (Robin Weigert) ist von den Frauenfiguren die einzige historisch verbürgte Figur. Die Westernheldin, ein ehemaliger Scout von General Custer, zeichnet sich weit mehr noch als Trixie durch besonders raues und rüpelhaftes Verhalten aus, zudem hat sie ein massives Alkoholproblem. Trotz ihrer Trunksucht verhält sich Jane gegenüber Hilfebedürftigen ungemein fürsorglich, herzlich und aufmerksam, ihre Figur zeigt insgesamt hohe moralische Standards. Ihr sozialer Status in Deadwood ist jedoch unklar: Von den meisten wird sie einfach nur geduldet, von einigen wegen ihrer sozialen Ader geschätzt, von anderen wiederum manchmal als Mannweib verspottet. Dass es gerade ihre gesellschaftliche Randposition ist, die ihr Freiheiten und Spielräume gewähren, die den meisten Frauen (nicht nur) in Deadwood verwehrt bleiben, zeigt sich besonders  in der Szene, in der sie mit Samuel Fields (Franklyn Ajaye), einem schwarzen ehemaligen Soldaten der Nordstaatenarmee, am helllichten Tage in der Öffentlichkeit die Schnapsflasche teilt…

Joanie Stubbs (Kim Dickens) kommt zusammen mit Cy Tolliver (Powers Boothe) nach Deadwood, um ein Bordell der gehobeneren Klasse zu eröffnen. Obwohl sie lesbisch ist, verbindet sie mit Cy eine langjährige Beziehung, in der sie sich jedoch zunehmend unwohl fühlt. Cy, obgleich in seinem Charakter weitaus soziopathischer angelegt als sein Rivale Swearengen, unterstützt Joanie zunächst in ihren Bemühungen, in Deadwood ein eigenes Bordell zu eröffnen und sich damit von ihm unabhängig zu machen. Dieses Unterfangen misslingt zwar auf eine äußerst entsetzliche Weise – zwei ihrer Angestellten und ihre Geschäftspartnerin werden von einem sadistischen Freier ermordet – jedoch kehrt Joanie nicht zu Cy zurück und lässt stattdessen das Bordell zu einer Schule umbauen. Dazu freundet sie sich mit Calamity Jane an, mit der sie schließlich auch eine Romanze beginnt.

Wie mit dieser Beziehung von Joanie und Jane bereits anklingt, sind die Lebensumstände und Wege dieser vier Frauen vielfältig miteinander verwoben. Den Ausgangspunkt für das im Laufe der Serie entstehende Netzwerk bildet die Sorge um das Mädchen Sophia (Bree Seanna Wall), das als einzige den von Svaerengens Schergen verübten Überfall an ihrer Familie überlebt. Alma Garret nimmt das traumatisierte Kind in ihre Obhut. Trixie, die eigentlich im Auftrag Svaerengens die Witwe ausspionieren und ihr noch dazu hochdosiertes Laudanum verabreichen soll, hilft Alma stattdessen beim Drogenentzug. Auch später springt sie immer wieder ein, sobald Alma in Bedrängnis gerät – so bei deren aus der Affäre mit dem verheirateten Seth Bullock (Timothy Olyphant) resultierenden Schwangerschaft.

Als Almas Vater Otis Russel (William Russ) nach Deadwood reist, um sie durch Erpressung zum Herausgeben der Goldmine zu bewegen, sorgt Seth Bullock, der Alma in Geschäftsangelegenheiten berät, dafür, dass Russel in einem äußerst desolaten Zustand die Stadt bald wieder verlassen muss. Alma bekommt daraufhin überraschend Besuch von Joanie Stubbs, die ihr die herausgeschlagenen Zähne ihres Vaters überreicht. Die Tochter, die zwischen Erleichterung und Gewissensbissen hin und her gerissen ist, wird von Joanie, der von ihrem eigenen Vater übel mitgespielt wurde, getröstet…

Was in dieser Szene besonders deutlich zum Vorschein kommt, prägt das Beziehungsgefüge der Frauen insgesamt: eine Solidarität, die von einer grundlegenden gegenseitigen Sympathie getragen wird, die sich um etwaige Standesgrenzen nicht schert. Dabei fällt auf, dass der Aktions- und Handlungsspielraum der Frauen eher konträr zu ihrem sozioökonomischen Status liegt: durchgängig am aktivsten greift die einfache Prostituierte Trixie in die Belange ihrer Umwelt ein, während die reiche Geschäftsfrau Alma immer wieder in die Defensive gerät und auf die Hilfe der anderen – Frauen wie Männer – angewiesen bleibt.

Doch wiederum gerade bei Trixie und – wenn auch in abgeschwächter Form – auch bei Joanie zeigen sich die impliziten Regeln der Her- und Darstellung weiblicher Subjektivität, die nicht nur mit einer sukzessiven Erweiterung ihres Handlungsspielraums einhergeht – so lernt Trixie Buchhaltung und wird kurzzeitig auch in der Bank von Deadwood angestellt – sondern mit einer gleichzeitigen Abkehr der Darstellung ihrer ursprünglichen Arbeit, der Prostitution. Bei den beiden Prostituierten, die ausführlich und komplex porträtiert werden, handelt es sich also genau genommen um „Aussteigerinnen“. Im Gegensatz dazu treten die aktiven Prostituierten außerhalb ihrer Arbeit kaum in Erscheinung. Ihr Objektstatus wird somit über eine  weitgehend oberflächlich und anonym bleibende Inszenierung bestätigt.

* aus: Kim Akass, Janet McCabe: Was hat HBO je für die Frauen getan? Annäherung an eine feministische Kritik des Fernsehens. In: Christoph Dreher (Hg): Autorenserien. Die Neuerfindung des Fernsehens, Stuttgart 2010, S. 251-285.

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