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Mad Men, die 5.Staffel

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Die mit Lob und Preisen überhäufte AMC-Serie “Mad Men” ist im März mit der fünften Staffel angelaufen. Mad Men portraitiert eine Werbefirma in der New Yorker Madison Avenue während der 1960er Jahre und setzt mit der nun gestarteten Staffel im Jahr 1965 ein. Die detailgetreue Rekonstruktion von Mode, Frisuren, Möbeln und Accessoires dieser Zeit haben ein inflationäres Revival der 1960er Jahre ausgelöst, welches nicht ohne eine fragwürdige nostalgische Hinwendung zur vermeintlich “guten alten Zeit” auskommt. Was macht es für das Publikum so attraktiv weißen Männern der Upper Class bei ihrem frauenverachtenden, sexistischen, rassistischen, homophoben und antisemitischem Verhalten zuzusehen? Ist es ein wehmütiger Blick zurück oder ist es eher ein mit Stolz verbundenes Gefühl: So viel besser haben wir es inzwischen?

Mark Greif – Mitherausgeber der New Yorker Literaturzeitschrift n+1 – bringt diese Kritik mit einem Vergleich auf den Punkt: Das ganze Spektakel hat die Arglist einer Sklavenhaltergesellschaft des 18. Jahrhunderts, die die sittenstrenge Gesellschaft des 17. Jahrhunderts verhöhnt: “Schau – sie haben ihre Hexen verbrannt” und dabei heimlich voller Neid auf eine Zeit zurückschaut, in der man dreiste Frauen auf den Scheiterhaufen warf.

Die kritisch gemeinte Darstellung der Vergangenheit soll dazu dienen uns die Gegenwart als paradiesisch erscheinen zu lassen. Ohne die Fortschritte negieren zu wollen – das ist sie nicht: z.B. nicht für den schwarzen Teenager Trayvon Martin, der auf seinem Weg durch eine geschlossene Wohnanlage von einem privaten Wachmann erschossen wurde, weil seine Kapuze auf dem Kopf Verdacht erregte. Der Todesschütze George Zimmermann war zunächst nicht verhaftet worden, weil er behauptete von Martin angegriffen worden zu sein und sich auf Notwehr berief. Das seit 2005 geltende und auf Druck der Waffenlobby, der National Rifle Organisation eingeführte „Stand your Ground“- Gesetz Floridas, das auch außerhalb der eigenen Wohnung die Anwendung tödlicher Gewalt zulässt, wenn sich jemand an Leib und Leben bedroht fühlt, dreht die Beweislast um: Nicht der Täter muss nachweisen, dass er wirklich bedroht war, sondern die Gegenseite muss beweisen, dass dem nicht so war. Die Beweislast liegt also beim – toten – Opfer. Landesweite Demonstrationen sorgten schließlich doch für die Verhaftung Zimmermanns.

In diese Zeit der Proteste fiel die Ausstrahlung der ersten Folge von Mad Men und erregte entsprechend heftig die Gemüter, u.a. auch der Mitarbeiter_innen der real existierenden Werbefirma Young&Rubicon, die ihren Sitz in der Madison Avenue 285 hat: In der Eingangsszene werfen drei Angestellte der Werbefirma “Y&R” Wasserbomben aus dem Fenster eines Hochhauses auf eine Demonstration Schwarzer Bürgerrechtler_innen für Chancengleichheit.

Die im Mittelpunkt der Serie stehende Firma SterlingCooperDraperPryce reagiert daraufhin mit einer Anzeige mit folgendem Wortlaut: “SterlingCooperDraperPryce – ein Arbeitgeber, der Chancengleichheit ernst meint. Unsere Fenster öffnen nicht. Wir fühlen uns verpflichtet zu beweisen, dass nicht die ganze Madison Avenue nass ist.” Obwohl lediglich als Schlag gegen die Konkurrenz von “Y&R” gemeint, werden SterlingCooperDraperPryce von zahlreichen afroamerikanischen Frauen und Männern beim Wort genommen, die tags darauf ihre Bewerbungen einreichen. Roger Sterling stellt mal wieder seine Einfältigkeit unter Beweis, als er sich verwundert darüber zeigt, dass Schwarze Zeitung – und damit auch Zeitungsanzeigen – lesen und sich für Office Jobs interessieren. Aber nach seiner Blackface-Einlage auf seiner Hochzeitsparty in der 3. Staffel wundert uns gar nichts mehr. Schließlich kommen SterlingCooperDraperPryce nicht umhin eine neue Sekretärin einzustellen, obwohl eigentlich keine freie Stelle zu besetzenwar: Dawn Chambers, gespielt von Teyonah Parris.

 

 

 

 

 

 

 

Dies bleibt nicht die einzige Neueinstellung, die das Ende der Vormachtstellung der WASP – der White Anglo-Saxonian-Protestants bei SterlingCooperDraperPryce ankündigt. In der ersten Staffel von Mad Men, die im Jahr 1960 spielt, witzeln Draper und Sterling noch: “Have we ever hired any Jews?” Draper: “Not on my watch.” und “Want me to run down to the deli and grab somebody?” In der dritten Folge der fünften Staffel wird Michael Ginsberg eingestellt, denn so Sterling: “A Jew makes the agency more modern”. Peggy – die erste Werbetexterin bei SterlingCooperDraperPryce und unsere Heroine führt das Einstellungsgespräch mit Ginsberg, der dabei ihre Position ignoriert und allein darauf aus ist Don Draper zu imponieren. Trotz dieses anfänglichen Konfliktes glauben wir, dass Peggy Michael für seine unkonventionelle Art schätzt. In einer sehr bewegenden Szene erzählt er ihr während einer späten Arbeitsstunde im Büro, dass sein Adoptivvater behauptet – er – Michael wäre in einem Konzentrationslager geboren worden, sein Adoptivvater habe ihn später in einem schwedischen Waisenhaus agefunden. Michael aber ist überzeugt davon, dass er eigentlich vom Mars kommt.

Michaels Geschichte erinnert uns daran, dass New York – neben Israel – bevorzugtes Auswanderungsziel Überlebender der Shoa war. Die Geschichte erklärt auch die enge Beziehung Michaels zu seinem Vater. Kurz nach der Einstellung Michaels sehen wir die beiden zusammen in einer winzigen Wohnung in der New Yorker Lower East Side. Eine Seltenheit, denn andere Protagonist_innen in Mad Men werden selten mit ihren Eltern gezeigt bzw. leben sie nicht mehr mit ihnen zusammen. Dass sich Michael selbst zum Marsianer machen muss, um sich nicht der Wahrheit auszusetzen, spricht Bände über die Tiefe seines Schmerzes. Wie kann man auch jemals glauben, verstehen und akzeptieren dass man in einem Konzentrationslager geboren wurde, einem Ort, der der Fabrikation von Leichen diente? „I am just displaced.“ sagt er. Dass Ginsberg über seine Herkunft von einem anderen Planeten fantasiert, passt zum Gefühl vieler Überlebender, aus der Welt gefallen zu sein, sich in ihr nur noch als Gast aufzuhalten.

 

 

 

 

Der überragende Erfolg Mad Mens kann auch mit Realitätsflucht begründet werden. Denn wie lässt sich der aktuellen Weltwirtschaftskrise besser entgehen – wenn auch nur für 45 min – als mit der Flucht in die 1960er Jahre, als das kapitalistische Wirtschaftssystem noch das amerikanische Glücksversprechen gewährleistete. Mehr Sinn für die Gegenwart beweisen hingegen zwei aktuelle Reality-TV-Shows, die wir aus Format- und Qualitätsgründen nicht besprechen wollen, die aber einen interessanten Kontrast zu Mad Men bilden: Es handelt sich um die beiden Untergangsserien Doomsday Preppers und Doomsday Bunkers, in denen das Kamerateam Amerikaner_innen besucht, die sich auf den Weltuntergang vorbereiten – von dem sie aus verschiedensten Gründen glauben, dass er unmittelbar bevorstehe. Viele der vorgeführten Preppers – Preppers für Preparation, also die Vorbereitung – haben in der Finanzkrise alles verloren, sind Kriegsheimkehrer oder beides. Ihr amerikanischer Traum endet vor der Tür ihres Hauses, sofern sie noch eines haben.

Zum Schluss wollen wir mit euch noch einen feministischen Moment bei Mad Men feiern: Joan hat ihren Ehemann Schrägstrich Vergewaltiger rausgeworfen und zwar in ihrer unvergleichlich unaufgeregten und bestimmten Art: Thats it!

 

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