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There is a right life in the wrong one – Portlandia!

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Plattenladen, Esoladen, Kinderladen, Ökoladen, Umsonstladen, Indymodelabelladen, Galerieladen, Ladengalerie, Tanztheater, Theaterwerkstadt, Fahrradwerkstatt, Teestube, Caféstube, Vegan-Livestylebar – dies alles auf einer einzigen Straße angesiedelt und überall natürlich der Bio-Fairtrade-Vanillalatte mit fettreduzierter Sojamilch to Go im Angebot, bzw. der Babylatte für den Nachwuchs … Was der Mythos Neustadt für Dresden ist, das Schanzenviertel für Hamburg und der Prenzelberg für Berlin, dafür steht in den USA eine ganze Stadt: Portland, Oregon.

Die eben geschilderten paradiesischen Zustände für alle öko- wie trendbewussten Medien-, Kunst- und Kulturschaffenden lassen sich problemlos ausweiten: Das Fahrrad wird in Portland nicht nur als allgemein akzeptiertes, sondern sogar bevorzugtes Verkehrsmittel behandelt und demzufolge mit einer Infrastruktur ähnlich der des hierzulande für seine Fahrradmanie bekannten westfälischen Münster bedacht. Der öffentliche Personennahverkehr ist innerhalb der Innenstadt kostenlos. In der City gibt es spezielle, ebenfalls kostenfreie Parkplätze für Elektroautos, an denen zudem gratis Strom zum Aufladen der Fahrzeuge zur Verfügung gestellt wird. Natürlich ist Solarstrom groß angesagt. Neben seiner berühmten Independent-Musikszene hat Portland auch ein äußerst reges Nachtleben im Angebot. Darüber hinaus gibt es, auf die Einwohnerzahl bezogen, die meisten Brauereien der Vereinigten Staaten. Am Strand gibt es auch FKK, zudem zählt Portland zu den ausgesuchten Austragungsorten des sogenannten „Naked Pumpkin Run“ – einem alljährlich zu Halloween stattfindenden Nacktlauf…

In der 580.000 Einwohner_innen zählenden Stadt am nordwestlichen Pazifik ist also alles anders als in den restlichen Vereinigten Staaten von Amerika: Selbst – oder gerade – hiesige Antiamerikaner_innen dürften Portland lieben, dünkt es im Hinblick auf Umwelt, Kunst und Kultur doch deutscher als deutsche Vorzeigeviertel und dient damit gewissermaßen als perfekte Projektionsfolie für die Sehnsucht nach der unmöglichen Möglichkeit eines richtigen Lebens im Falschen.

In der Satiresendung Portlandia, die seit Januar 2011 auf dem Sender IFC läuft, wird das alternative Milieu der Stadt brillant parodiert und gnadenlos durch den Kakao gezogen (letzteres in einer Szene sogar wortwörtlich). Ein Konzept, das aufgrund der nahezu universellen Übertragbarkeit von alternativ-subkulturellen Codes und Lebensstilen auch für Ortsunkundige ausgezeichnet funktioniert: Eine Folge Portlandia geschaut, und schon lässt sich das Hipsteraufgebot vor der eigenen Haustür viel besser ertragen.  

Die Serie verfolgt keinen kohärenten Plot, sondern besteht aus lose aneinandergereihten Sketchen, in denen jedoch bestimmte Figuren, Themen und Settings zum Teil wiederholt auftauchen und damit weitergeführt werden. Gedreht wurde vornehmlich an Originalschauplätzen der Stadt. Es gibt eigentlich nur zwei Hauptdarsteller_innen, die unter sich dafür umso mehr Hauptfiguren aufteilen: Carrie Brownstein, hauptberuflich Musikerin und als solche Sängerin und Gitarristin von Bands wie „Sleater-Kinney“ und „Wild Flag“, sowie Schauspieler und Comedian Fred Armisen, der vor allem aus der Comedyshow „Saturday Night Live“ bekannt sein dürfte. Die beiden entwickelten auch zusammen das Skript zu Portlandia. In den Sketchen porträtieren Browstein und Armisen per Maskenbild und einer grandiosen Schauspielleistung jeweils unterschiedlichste Typen der Portlander Subkultur: So sind die beiden u.a. als Konzeptkünstlerpaar, japanische Manga-Touristinnen, Tierrechtler_innen, Stripperinnen oder Betreiberinnen eines feministischen Buchladens unterwegs, oder spielen schlicht und einfach sich selbst.

Neben diesen beiden großartigen Hauptdarsteller_innen gibt es immer wieder skurrile Gastauftritte, wie der von Steve Buscemi als Toilettenbenutzer in der feministischen Buchhandlung oder Aimee Mann als sie selbst, die bei Brownstein und Armisen als Putzfrau anheuert; dazu wiederkehrende Nebenfiguren wie Kyle MacLachlan als – natürlich vorbildlich fahrradfahrenden – Bürgermeister, während der im realen Portland derzeit amtierende Bürgermeister Sam Adams in einigen Folgen als dessen Assistent auftritt.

Und wenn dies auch auf den ersten Blick widersprüchlich klingen mag: Wir plädieren zur nächsten Emmy-Verleihung für die Einführung einer neuen Kategorie: die der besten Statist_innen. „And the winner is“ … natürlich Portlandia: Die Szenen, in denen größere Menschenansammlungen zu sehen sind, wie beispielsweise in Straßencafés, Hotellobbys oder auch in der Nachtbar, scheinen oftmals nicht nach mehr oder weniger festgelegtem Skript gedreht, sondern wirken eher wie Hidden-Camera-Shows wie das hierzulande bekannte „Verstehen Sie Spaß“. Den Statist_innen ist die Peinlichkeit und Irritation ob dessen, was sie gerade an Eskapaden von Brownstein und Armisen miterleben müssen, so dermaßen ins Gesicht geschrieben, dass das Ganze einfach nicht mehr fiktiv wirkt – Vorsicht: Fremdschämen ist angesagt!

Zu guter letzt hat Portlandia in seiner zweiten Staffel einen zusätzlichen Leckerbissen für alle Science Fiction-Fernsehserien-Fans parat: In einem Sketch beschließen Carrie und Fred, mal in die erste Folge „Battlestar Galactica“ zu schauen, und das Unheil in Form eines Serienjunkiemarathons nimmt folgerichtig seinen Lauf – ein wohl nicht nur Lola Loop, Irmgard Lumpini und Miss Gouldy allzu vertrautes Phänomen…

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