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„It’s a thin line between heaven and here“ (Bubbles)

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… ein niederschmetterndes und herzzerreißendes urbanes Epos über den Niedergang einer Stadt im Spätkapitalismus … ein gesellschaftskritisches Meisterwerk von epischer Komplexität … das fesselndste, anspruchvollste und provokanteste Drama welches jemals für das Fernsehen produziert wurde…  –  die Rede ist von der TV-Serie „The Wire“. Die beste Serie in der Geschichte des Fernsehen –  sind sich Fans und Kritiker_innen einig.

„The Wire“ ist eine sozialkritische Dramaserie über den Zustand der postindustriellen Gesellschaft in amerikanischen Großstädten des 21. Jahrhunderts. Hauptfigur der ausufernd epischen Erzählung ist die verfallende Stadt Baltimore. Baltimore, Maryland liegt an der Ostküste zwischen Philadelphia und Washington D.C. Bis weit in die 1970er Jahre florierte hier die Industrie, vor allem die Werften. Doch mit der zunehmenden Automatisierung und dem Verlagern von Industrieanlagen in andere Teile der Welt setzte ein Niedergang ein. Er lies die Bevölkerungszahl Baltimores von fast einer Million Einwohner _innen im Jahr 1970 auf mittlerweile nur noch rund 650.000 schrumpfen. Die Verbrechensrate der Stadt gehört seit Jahren zu den höchsten der USA. Rund 300 Morde finden pro Jahr statt – etwa das vierfache des US-Durchschnittes. 64 Prozent der Bevölkerung sind schwarz, zehn Prozent gelten als drogenabhängig.

Die erste Staffel handelt von der Arbeit einer Sondereinheit des Baltimore Police Department und deren mühsamen Ermittlungen gegen den Drogenring AvonBarksdales.  Fangschaltungen und das Abhören von Telefongesprächen – „wire tap“ –  haben der Serie ihren Namen gegeben. Mit „The Wire“ sind darüber hinaus aber auch die komplexen Beziehungen zwischen Polizei, Politik, Kriminalität und Öffentlichkeit gemeint. In der zweiten Staffel steht der Hafen und die Hafenarbeitergewerkschaft im Mittelpunkt. Das Geld, das der Gewerkschaftsboss durch das Stehlen und Verkaufen von Containern macht, nutzt er als eine Art inoffizielle Arbeitslosenversicherung für die Hafenarbeiter, die immer häufiger vergeblich auf eingehende Frachtschiffe warten. Die dritte Staffel wendet sich wieder der Straße und der Barksdale Organisation zu sowie den Verbindungen in politische Institutionen und zur wirtschaftliche Elite. Die vierte Staffel widmet sich dem maroden Bildungssystem. Und anhand der neoliberal-prekären Verhältnisse in der Tages-zeitung Baltimore Sun geht die Serie schließlich der Frage auf den Grund, warum die zum Himmel schreienden Missstände so wenig Aufmerksamkeit erhalten.

Stephan Krauth schreibt in seinem Artikel „Don’t hate the playa, hate the game“ in der Zeitschrift Phase 2, Heft 34: „Die Maschine Baltimore entfaltet ohne Kern und ohne kleinsten gemeinsamen Nenner umfassenden, aber ausdifferen-zierten Zwang nach allen Seiten. Um dies darzustellen, wird Baltimore in „The Wire“ analytisch aufgeteilt in Straße, Polizeidepartment, Gericht, Hafen, Schule, Rathaus und Redaktion. Das sind die eigenständigen Orte, die alle miteinander verknüpft sind und die von Staffel zu Staffel ein dichteres, unübersichtlicheres und genaueres Bild ergeben. Einige Gemeinsamkeiten gibt es jedoch bei aller Fragmentierung: alle Akteure agieren vor dem Hintergrund des aufgegebenen, postindustriellen Amerika, für das der kapitalistische Normalvollzug schon lange keine Bedeutung mehr hat. Dessen Elend wird von Polizei, Schulsystem und Politik mit beschränkten Mitteln verwaltet.“

Geschrieben wurde „The Wire“ von David Simon, der  zwölf Jahre als Polizeireporter der Baltimore Sun gearbeitet hat sowie seinem Partner Ed Burns, der Mordkommissar in West Baltimore war. Zu Recht rühmt man die Autoren, sie hätten jene “Great American Novel” geschaffen, die fast jedem US-amerikanischen Schriftsteller als großes Ziel vorschwebt und fast keinem gelingt. „The Wire“ ist mit den Gesellschaftsromanen des 19. Jahrhunderts und Simon mit Dickens, Tolstoi und Balzac verglichen wurden.

“The Wire“ hat wie kein anderes Kunstwerk der vergangenen Jahre die Möglichkeiten des Erzählens erweitert. Es hat die Fernsehserie von der episodischen Erzähllogik befreit. Die in sich geschlossene Geschichte pro Serienfolge gehört der Vergangenheit an, stattdessen zieht sich der Abschluss eines Falls über eine ganze Staffel hin. Es gibt es keine dramatischen Höhepunkte, Cliffhanger oder sonstige zum Krimi gehörenden Spannungsmomente. Die einstündigen Episoden funktionieren wie Kapitel in einem Buch. Die Serie „The Wire“ entwickelt ihr urbanes Universum in gleich-mäßiger Geschwindigkeit. Von ihren Zuschauer_innen erwartet sie dieselbe Geduld und Aufmerksamkeit, die die Serie ihren Figuren widmet.

Und es gehört zu den Besonderheiten der Serie, dass die Zuschauerin, der Zuschauer ebenso viel Zeit mit den Kriminellen und den Ermittlern verbringt und mehr als dreißig gleichberechtigte Charaktere gleich gut kennen lernt:  die privaten Beziehungen, die persönlichen Schwächen, die erbitterten Rivalitäten und Machtspiele auf allen Ebenen der Hierarchie, das Scheitern an korrupten Strukturen und ungeschriebenen Gesetzen.

Kein Zuschauer, keine Zuschauerin könnte dieses schonungslose Abbild einer in die Krise geratenen Gesellschaft ertragen, wären die Figuren nicht von einem trockenen und herzerfrischenden Sinn für Humor ausgestattet. Getragen wird die Handlung von einem herausragenden Ensemble von Charakterdarstellern wie Dominic West als frustrierter Detective McNulty, Sonja Sohn als Detective Kima Greggs und Clarke Peters als findiger Ermittler Lester Freamon. Larry Gilliard Jr. ist in der Rolle des von Gewissensbissen geplagten Drogenhändlers D’Angelo Barksdale zu sehen, Andre Royo als Junkie und Polizeiinformant Bubbles und Michael K. Williams als Omar Little, der davon lebt die mächtigsten Drogenhändler der Stadt auszurauben. Etwa 150 der Nebendarsteller und Nebendarstellerinnen wurden in den Straßen der Viertel gecastet, in denen „The Wire“ spielt.

„The Wire“ lief in fünf Staffeln von 2002 bis 2008 auf dem us-amerikanischen Pay-TV-Sender HBO.  Die Serie erreichte selbst an besten Abenden nur 4,4 Millionen Zuschauer_innen. Die komplexen Charaktere und Handlungsstränge führten zwar zu positiven Kritiken, erschwerten aber auch den Zugang zur Serie. Die enorme Genauigkeit die auf den korrekten Sprachgebrauch der verschiedenen Milieus verwandt wurde, führte dazu dass selbst Muttersprachler die Serie mit englischen Untertiteln sehen mussten. Dementsprechend schien eine Synchronisierung von „The Wire“ eigentlich ausgeschlossen. Dieses unmögliche Unterfangen wurde dennoch in Angriff genommen und in Deutschland läuft die Serie seit 2008 beim FOX-Channel. Derzeit wird die vierte Staffel ausgestrahlt.

Auf verschiedenen us-amerikanischen Blogs ist „The Wire“ dafür kritisiert worden, dass den ohnehin weniger Frauen-figuren weniger Aufmerksamkeit zuteil wird als den  männlichen Protagonisten. In einem Setting von Drogenmilieu, Polizeiarbeit und Politik eine unumgängliche Sache? Dieser Frage und den Details der feministischen Kritik werden wir in einem 2. Teil in der folgenden Sendung von previously auf den Grund gehen.

Zum Abschluss möchten wir Euch eine der wenigen Frauenfiguren in Verbindung mit einer unserer  Lieblingsszenen vorstellen. Es handelt sich um Officer Beatrice „Beadie“ Russel, die als Hafenpolizistin arbeitet um ihre beiden Kinder durchbringen zu können. Der Job ist ohne besondere Herausforderungen. Den größten Teil des Tages verbringt Russel damit Musik hörend in ihrem Polizeiwagen über das Hafengelände zu fahren und Frachtlisten zu kontrollieren. Mit den meisten Hafenarbeitern verbindet sie eine freundliche Arbeitsbeziehung. Dies ändert sich an dem Tag als sie in einem aufgebrochenen Container die Leichen 13 illegalisierter Einwanderinnen aus osteuropäischen Ländern findet. Sie wird dem Mordkommissariat zugewiesen um die Untersuchungen mit ihrem Wissen über den Hafen zu unterstützen. Russel ist hoch-motiviert den Tod der Mädchen aufzuklären, vor allem seitdem sie weiß dass sie für Sexarbeit in die USA gebracht wurden. In einer Beratung mit der Behörde für illegale Immigration erfahren die ermittelnden Mordkommissare dass in den USA 40-50.000 Frauen ohne Papiere als Sexarbeiterinnen arbeiten. Den Einwurf von Detective Bunk dass allein für ihre Kontrolle eine eigene  Behörde nötig wäre erwidert Beatrice Russel mit „Was sie brauchen ist eine Gewerkschaft!“

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