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Still A Mad Men’s World – News from Madison Avenue

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Seit dem 25. Juli starten jeden Sonntag um jeweils 22 Uhr der sechs verschiedenen US-amerikanischen Zeitzonen auf AMC wieder aktuelle Folgen von “Mad Men” – eine Serie, die auch hierzulande längst keine Unbekannte mehr sein dürfte, und dies nicht nur, seit sie ab Juli 2009 auf dem Pay-TV-Sender Fox Channel in deutschsprachiger Fassung ausgestrahlt wird.

Dreh- und Angelpunkt der Serie bildet die New Yorker Werbeagentur „Sterling und Cooper“, ansässig auf der Madison Avenue in Manhattan, zu Beginn der 60er Jahre. Die verschiedenen Handlungsstränge gruppieren sich um die zentrale Gestalt der Agentur, ihrem Creative Director Don Draper, gespielt von Jon Hamm. Der smarte wie charismatische Mittdreißiger gilt als einer der besten seiner Branche, der immer wieder mühelos qua genialem Geistesblitz die großen Aufträge bei den anspruchsvollsten Kunden einholt. Auch privat lanciert er für lange Zeit erfolgreich die beiden Parallelwelten „treusorgender Ehemann und Vater“ versus „stattbekannter Frauenheld“. Diese Lebensweise beginnt mit dem Auftauchen von Gestalten aus seiner Vergangenheit zu bröckeln, die das von ihm sorgsam gehütete Geheimnis seiner Herkunft aufzudecken drohen.

Vom Publikum geliebt und von der Kritik begeistert gefeiert, räumte Mad Men bei den diversen großen Fernsehpreisverleihungen kräftig ab, u.a. holte die Serie wiederholt den Golden Globe und auch den Emmy als beste Drama-Serie. Ein Ende des Erfolges ist nicht abzusehen – allein für die diesjährige Emmy-Verleihung, die am 29. August stattfinden wird, wurde sie 17 mal nominiert.

Neben einer äußerst soliden Regieführung wie Schauspielerleistung lässt sich ihre Faszination zu einem erheblichen Teil aus dem gegebenen Setting erklären – eben New York zu Beginn der sechziger Jahre. Die Lebenswelt und Ästhetik dieser Ära wird mit viel nostalgischer Liebe zum Detail wiedergegeben – von Gebrauchsgegenständen wie Automobile, Telefone, Schwarzweißfernseher und Küchenradio über Speise- und Getränkeauswahl bis zu Kostümen und jeglichen modischen Accessoires. Die sorglose Überflussgesellschaft der weißen Oberschicht wird nicht nur über eine ausschweifende Wegwerfmentalität ausgetragen – so wird der Picknickmüll einfach von der Decke auf den Rasen gekippt – sondern auch über für die heutige USA undenkbare Verhaltensweisen wie exzessives öffentliches Rauchen und Trinken: Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein sind eben noch längst nicht erfunden. Auch die gesellschaftlichen und sozialen Umstände und Mechanismen dieser Zeit werden gekonnt in Szene gesetzt – so erfahren wir zwar von der sich zunehmend stärker artikulierenden Bürgerrechtsbewegung, faktisch spielt sie in der weißen New Yorker Upper Class jedoch überhaupt keine Rolle; die Frauenfiguren verteilen sich größtenteils auf Ehefrauen und Mütter oder Sekretärinnen, das verbindende Element ist der krasse Chauvinismus und Sexismus, dem sie tagtäglich durch ihre männlichen Vorgesetzten oder Ehemännern ausgesetzt sind. Doch verweisen die Bemühungen einzelner Protagonistinnen, sich ein nicht nur finanziell eigenständiges und selbstbestimmtes Leben aufzubauen, auf die Emanzipationsbewegung der nahen Zukunft. Zentral hierfür ist die Figur der Peggy Olson, gespielt von Elisabeth Moss, die zu Beginn der Serie als Sekretärin in der Agentur beginnt und aufgrund ihres enormen kreativen Talentes bald zur ersten Werbetexterin des Ladens aufsteigt.

Die in Mad Men thematisierten historischen Ereignisse und Andeutungen auf kommende Veränderungen werden geschickt mit der Handlung verwoben. So konnte man u.a. in den ersten drei Staffeln bereits mit verfolgen, nacherleben oder nachempfinden: Die Wahl John F. Kennedys zum 35. Präsidenten der Vereinigten Staaten, die Kuba-Krise, die Raumfahrteuphorie, der Marsch nach Washington mit der berühmten Rede Martin Luther Kings, die Ermordung John F. Kennedys.

Die vierte Staffel setzt zeitlich knapp ein Jahr nach dem Ende der dritten ein. Erzählt werden vornehmlich die Schwierigkeiten des Neuanfangs der aus Widerstand gegen eine feindliche Übernahme neu gegründeten Agentur „Sterling Cooper Draper Pryce“, die wie gewohnt personell sehr gut, institutionell und organisatorisch jedoch noch recht dürftig ausgestattet ist und ihren Platz unter den großen New Yorker Playern der Werbeindustrie erst finden muss. Dazu zählt auch gezielte Werbung und Außenpräsentation per Zeitungsinterview, mit der die erste Szene der Staffel auch gleich einsteigt:

Was ist nun neu in der vierten Staffel, was bleibt beim Alten? Nun, die Frage nach der mysteriösen Vergangenheit des Don Draper ist längst beantwortet und eignet sich gerade mal noch als Staffelaufhänger, als reflexives Zitat. Die Figur des charismatischen Frauenhelden wird bereits in den ersten Folgen regelrecht systematisch dekonstruiert. Seine Verweigerungshaltung gegenüber dem Journalisten muss er letztendlich aufgeben, sein ehemaliges Geheimnis eignet sich nicht einmal mehr als Headline eines Zeitungsartikels, der ehedem so Verschwiegene plaudert schließlich aus dem Nähkästchen. Die Scheidung von seiner Frau Betty (gespielt von January Jones) ist vollzogen. Die gemeinsamen Kinder sind bei ihr, die mit ihrem neuen Ehemann Henry Francis weiterhin die Draper Residence bewohnt, während Don in einem lieblos und düster wirkenden Appartement nächtigt. Seine offensichtliche Einsamkeit bekämpft er mit gelegentlichen One Night Stands, wobei er, der sich bisher eher starke, unabhängige und selbstbewusste Frauen als Geliebte suchte, es nun bei Frauen versucht, die sich in Abhängigkeit zu ihm befinden: wahlweise ein sehr junges Mädchen, oder seine neue Sekretärin, oder auch in aller Regelmäßigkeit diverse Prostituierte. Alles in allem gilt dies durchaus als ein gängiges und völlig akzeptiertes Verhalten, wie es seitens seiner männlichen Kollegen seit eh und je gepflegt wird – für den ehemaligen Charmeur und Charismatiker jedoch ein Novum, das seine Einsamkeit und seinen emotionalen Fall unterstreicht. Don Draper – die tragische Wandlung vom Mad Man zum Sad Man.

Wofür nun steht dieser Wandel von Don Draper? Wir versuchen uns in äußerst subjektiven und gewagten Deutungen: Die Serien begann in einer Zeit des „good old America“, als in den Staaten noch alles in Ordnung war bzw. schien. Der Korea-Krieg der 50er Jahre konnte die Grundfesten nicht erschüttern, Ereignisse wie die Ermordung Kennedys schweißte die Gesellschaft eher noch enger zusammen, Verhaltensweisen entgegen der Norm bewegten sich in Mikromilieus der Subkultur und waren im gesellschaftlichen Mainstream kaum wahrnehmbar – man erinnere sich der Beatnix, mit denen Don Draper in der ersten Staffel kurz Bekanntschaft macht. Staffel 4 nun beginnt zu Thanksgiving 1964, bereits in der dritten Folge wird das Jahr 1965 begrüßt – das Jahr, in dem die offene Intervention der USA in Vietnam mit der Bombardierung Nordvietnams beginnt, begleitet von Massendemonstrationen von Friedensaktivist_Innen und der Bürgerrechtsbewegung. Ausgehend vom 1964 gegründeten „Free Speech Movement”, formiert sich bereits einige Jahre vor den europäischen Studentenprotesten die Studentenbewegung in den USA, die sich für Redefreiheit an den Universitäten, gegen Todesstrafe und Vietnam und für die Emanzipation und Gleichberechtigung von Frauen und Afroamerikaner_innen einsetzen.

Es brodelt also immer heftiger unter der heilen Fassade, und der Fall von Draper könnte als erster Hinweis darauf gelten: die Zeiten der unangefochtenen kulturellen wie sozialen Vorherrschaft der weißen, männlich-bürgerlichen Upper Class sind vorbei.

Dies wäre eine Deutung der Handlung. Zur Kontrolle schauen wir uns noch an, was die Frauenfiguren in der vierten Staffel so umhertreibt: Peggy Olson spielt auch in der neuen Agentur eine wichtige Rolle, sucht jedoch forciert nach privatem Glück, und äußert Heiratswünsche. Chefsekretärin Joan versucht sich in Familiengründung und kämpft um die traute Zweisamkeit mit ihrem Ehemann. Betty schließlich wechselt von einem sie versorgenden Ehemann zum zweiten und damit von einer Abhängigkeit in die nächste, zumal der neue – Henry Francis – bereits die Aufmerksamkeit der ersten Zeit missen lässt. Alle drei Frauen also werden vorzugsweise mehr denn je in traditionellen Mustern und Verhaltensweisen – Frau und Mutter – präsentiert, derweil ihre männlichen Kollegen rauchen, saufen und Ehebrechen wie eh und je.

Nun doch also alles beim alten? Nicht ganz, denn sie begehren auf: Peggy wirft einem Mitarbeiter offen Chauvinismus vor, und Joan, die sich – wenn auch ausgerechnet dieses eine Mal zu Unrecht – von ihrem Chef wie ein, Zitat „kleines Mädchen“, behandelt fühlt, haut ihm frustriert das Versöhnungsgeschenk um die Ohren.

Fazit: It is STILL a Mad Mans world – doch wie lange noch?

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