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Die Hölle, das sind die Anderen: die Rolle der Reaver in Firefly

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Keine Space Opera ohne Außerirdische. Dies galt lange Zeit als feste Genre-Konvention. Man denke dabei nur an die Alienvielfalt bei Star Trek und Star Wars. Aber auch bei jüngeren Science Fiction-Fernsehserien wie beispielsweise der Stargate-Saga basiert die Grundidee auf der Begegnung mit einer anderen Spezies.

Eine der wenigen Space Operas, die dieser Konvention zumindest auf den ersten Blick nicht folgt, ist Joss Whedons Science Fiction-Western-Serie Firefly, die wir bereits in der letzten Ausgabe vorstellten. Hier gibt es gerade mal einen Außerirdischen, der konserviert und präpariert einem schaulustigen Publikum für teures Geld auf einem Weltraum-Jahrmarkt dargeboten wird, und der sich jedoch beim genauen Hinsehen als deformierter Kalbsfötus entpuppt.

Und doch gibt es sie in Firefly, die Repräsentation des Anderen und Fremden…

Es sind die Reaver – jene Kreaturen, die am Rande des von den Menschen kolonialisierten Planetensystems hausen. Die Reaver überfallen und plündern regelmäßig einsam gelegene Siedlungsgebiete und Außenposten und gehen dabei mit einer unvorstellbaren Grausamkeit vor. Während sie damit die größte Gefahr für die Siedlungspioniere darstellen, leugnet die Zentralregierung ihre Existenz. Für die Bewohner der hochzivilisierten Zentralplaneten stellen sie damit schlicht und einfach eine Legende dar…

Primitiv, monströs, wild und animalisch: Was Zoe über die Reaver aussagt, erinnert an die Rolle und Darstellung der Native Americans, der sogenannten „Indianer“; ein Diskurs, der sich im ausgehenden 19. Jahrhundert etablierte und im klassischen Hollywood-Western wieder aufgegriffen und bedient wurde. Joss Whedon selbst erklärte, bei der Entwicklung der Reaver zunächst an das rassistische Stereotyp der Apache gedacht zu haben. Die Parallelen sind vielfältig ausgearbeitet: das Plündern der Siedlungen, hier in den Weiten der Prärie, dort in den Weiten des Universums; die Folter und Verstümmelung der Opfer, deren Überreste als Trophäe mitgenommen werden – bei den Indianern in Form von Skalps, bei den Reaver ganze Menschenleichen, mit denen sie ihre Raumschiffe schmücken. Die Kriegsbemalung der Indianer findet sich in der Ikonographie der Raumschiffe wieder, welche die Reaver mit dem Blut der von ihnen massakrierten Menschen anmalen. Die schnatternden und kreischenden Geräusche ihrer Raumschiffe erinnern an Kriegsgeheul. Bei Verfolgungsjagden werden außerdem vom Raumschiff aus Pfeil und Lasso als Waffen eingesetzt.

Angst und Horror werden zusätzlich geschickt an die Zuschauer_innen vermittelt, indem –   zumindest in der Serie – die Reaver selbst nicht gezeigt werden. Das Einzige, was auf sie hindeutet, sind das Chaos und die verstümmelten Leichen, die sie nach Abzug hinterlassen. Die Botschaft: Wer die Reaver zu Gesicht bekommt, ist bereits verloren. Dementsprechend reservieren sich die Crewmitglieder der Firefly ganz in Western-Manier für den Fall einer Begegnung die letzte Kugel nicht für ihren Gegner, sondern für sich selbst.

Die Personifizierung des Wilden, Animalischen und Bösen lässt die Reaver außerhalb jedes Menschlichen erscheinen; von Mal wird ihnen auch jedes Menschliche abgesprochen – auch dies erinnert an den klassischen Diskurs über Indianer…

„The Only good alien is a dead alien.“

Dieses Zitat, eine Abwandlung des Philip Sheridan zugeschriebenen Spruchs “The only good indian is a dead one”, benutzt der Kulturwissenschaftler Gregory Pfitzer zur Verdeutlichung des Zusammenhangs in der Repräsentation von Indianern in Hollywood-Western und Außerirdischen in Hollywood-Science Fiction. Er geht davon aus, dass Aliens gewissermaßen die Weiterführung von Indianern darstellen. Die Funktion ist dabei zunächst dieselbe: Die Projektion des vom eigenen Ich und der eigenen Gruppe ausgeschlossenen Anderen und Fremden in ein zu bekämpfendes Feindbild. Dieses Feindbild fungierte gewissermaßen als Leerstelle, die in der Geschichte der Space Opera je nach gesellschaftlicher und politischer Bedürfnislage verschiedentlich aktualisiert werden konnte: So stellen die Klingonen im Raumschiff Enterprise der Sechziger Jahre zunächst ein deutliches Sinnbild für die Sowjetunion im Kalten Krieg dar. Im Sequel der späten Achtziger Jahre, Star Trek: Next Generation, änderte sich ihre Rolle entsprechend der außenpolitischen Annäherungen in Zeiten der Perestroika vom eindeutigen Feind zum wenn auch mit Vorsicht zu genießenden Verbündeten der Sternenflotte.

Bereits dieses Beispiel zeigt einen generellen Umschwung in der Bedeutung der Alien an: Während sie in frühen Space Operas fast durchgängig einfach nur als klassisches Feindbild fungierten, repräsentierten sie in späteren Werken zunehmend verschiedene kulturelle, soziale oder auch charakterliche Stereotype, gewissermaßen als Spiegel der menschlichen Konstitution. So können die Vulkanier in Star Trek als Vertretung der menschlichen Ratio gelesen werden, die Klingonen als Sinnbild für Aggression, die Betazoiden als Symbol für Emotionalität, und so weiter.

Doch zurück zu Firefly, wo die Darstellung des Anderen zunächst wieder auf das  klassische Feindbild zurückgreift und nebenbei deutlich auf dessen Ursprünge im Western-Mythos verweist. In den wenigen Folgen der Serie treten die Reaver konkret nur selten in Erscheinung. Durch die abrupte Absetzung von Firefly noch mitten in der ersten Staffel blieb die Frage nach ihrer Herkunft und den Hintergründe ihrer Existenz unbeantwortet. Diese Lücke wollte Joss Whedon mit dem Spielfilm „Serenity“ schließen, für den er nach dem ungemein erfolgreichen DVD-Verkauf der Serie schließlich noch den Auftrag bekam. Das Problem, was sich hierbei stellte, war die Notwendigkeit der schnellen Schließung einer durch das Serienformat eigentlich auf Langfristigkeit und Komplexität angelegten Handlung. Diese Schließung gelang dann auch leider nur bedingt, zumal im Film der klassische Hollywood-Pathos durchschlägt und vieles von der Kreativität und dem Charme der Serie auf der Strecke bleibt.

Doch die Qualitätsdebatte sei hier hintenangestellt; kommen wir zur Lösung des Rätsels um die Reaver: Wie die Crew der Firefly zu Filmende schließlich entdeckt, waren die Reaver einst Menschen auf dem Planeten Miranda. Durch ein von der Zentralregierung in Auftrag gegebenes Massenexperiment, in dem die Atmosphäre des Planeten durch eine Chemikalie angereichert wurde, sollte aggressives Verhalten ausgeschalten und damit dauerhafter Frieden gesichert werden. Bei einem Großteil der Menschen schlug die Chemikalie derart erfolgreich an, dass sie völlig antriebslos wurden und schließlich einfach verhungerten. Bei einem kleinen Anteil der Bevölkerung bewirkte das Experiment jedoch das genaue Gegenteil: Sie wurden zu den extrem gewalttätigen Reavern. Die Firefly-Crew deckt diese von der Regierung jahrzehntelang verschwiegene Katastrophe auf und bringt sie an die Öffentlichkeit.

Bereits auf den ersten Blick wird deutlich, dass mit dieser Auflösung wieder einmal der wohl älteste Topos der Science Fiction bedient wird – ein fehlgeleitetes Schöpfungsexperiment als Mahnung an die menschliche Hybris. Darüber hinausgehend deutet der Kommunikationswissenschaftler Michael Marek diese Geschichte als kreative Wendung des klassischen Verschwörungstheoriekonzeptes: Während in Verschwörungstheorien für gewöhnlich mächtige Dunkelmänner in finsterer Absicht die Fäden am Weltgeschehen ziehen, war die Motivation der Regierung durchaus integer: Sie bezweckte nicht etwa die Herstellung von Kampfmaschinen, sondern genau das Gegenteil: die Herstellung einer schönen neuen Welt durch Ausschaltung aller Aggression.

Letztendlich kehrt mit dieser Auflösung des Rätsels das ausgeschlossene Andere und Fremde wieder mit Übermacht zurück: Die Reaver als sehr konkrete Materialisierung der Wiederkehr des Verdrängten – des Bösen, Animalischen, der Aggression und Destruktion: Die Hölle, das sind wir selbst.

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