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Oh Mary Sue, where are thou?

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Alles begann zu einer leider nicht überlieferten Sternzeit mit einem neuen Abenteuer des Raumschiffs Enterprise. Lieutenant Mary Sue, mit gerade mal 15 Lenzen das mit Abstand jüngste Mitglied der Crew, verdreht zunächst sämtlichen kommandierenden Offizieren der Brücke den Kopf, bevor sie ihnen in einem spektakulären Außeneinsatz durch herausragende physische wie geistige Leistungen das Leben rettet.

„A Trekkies Tale“ hieß die eben zusammengefasste Kurzgeschichte von Paula Smith, die erstmals 1974 in der Zeitschrift „The Menagerie“ erschien. Die Autorin parodierte damit ein bereits sattsam bekanntes, doch bis dato noch unbenanntes Phänomen, dass sich seit jeher in fiktionalen Werken jeder Art – also Literatur, Film und eben auch Fernsehserien – finden lässt: das Auftreten von bis zur Perfektion idealisierten, also völlig unrealistisch überzeichneten Charakteren. Mit der Protagonistin von Paula Smith erhielt dieses Phänomen nun einen Namen: „Mary Sue.“

Mary Sue-Figuren sind im genaueren durch folgende Eigenschaften gekennzeichnet: Sie sind zumeist jung, hochintelligent, gutaussehend, liberal-fortschrittlich im Denken und besitzen ein ausgeprägtes Charisma, dem sich kaum jemand entziehen kann. Folglich ziehen sie regelmäßig die Bewunderung der anderen Figuren auf sich, und ebenso selbstverständlich lösen sie alle auftauchenden Probleme mit bravouröser Leichtigkeit.

In Mary Sues, so wird sicherlich nicht ganz zu Unrecht kolportiert, wird gewissermaßen eine idealisierte Selbstdarstellung des Autoren oder der Autorin hineinprojiziert, der oder die damit also die Wünsche und Phantasien zur eigenen Person bedient. Als ein berühmtes Beispiel aus der Unterhaltungsliteratur, das auf den ersten Blick einleuchtet, mag das Alter Ego von Karl May in dessen Figur des „Old Shatterhand“ gelten. Die Projektionsleistung ist hier evident – Karl May behauptete ja schließlich, als Old Shatterhand die von ihm beschriebenen Abenteuer selbst erlebt zu haben. In der Regel gehen Autorinnen und Autoren dabei jedoch dezenter vor, indem sie beispielsweise die betreffende Figur mit einer Abwandlung ihres Namens taufen. So geschehen bei der wohl eindeutigsten Mary Sue-Figur aus dem Star Trek-Universum: Wesley Crusher, Sohn und Wunderkind der Bordärztin Beverly Crusher aus der „Next Generation“-Serie. Seinen Vornamen verdankt er wohl dem Produzenten von Star Trek, Gene Wesley Roddenberry

Der Begriff „Mary Sue“ wird heute explizit zumeist nur innerhalb der Fan Fiction als solcher in Gebrauch gebracht, wohl deshalb weil in den von literarischen Amateuren verfassten Fangeschichten zu einem bestehendem Originalwerk solcherlei idealisierte Figuren ihre höchste Konjunktur erleben. Um diese Falle zu vermeiden – schließlich gelten Mary Sue-Charaktere als augenscheinlicher Hinweis auf mangelndes Schreibtalent – gibt es inzwischen Mary-Sue-Tests, anhand derer man die kreierten Figuren auf überzogene Idealisierungen testen lassen kann.

Was haben nun Mary Sues mit den von uns behandelten Qualitätsserien zu tun? Nun, zunächst einmal sind diese Serien per definitionem von einem Fehlen von Mary Sues gekennzeichnet, da sie sich schließlich durch vielgestaltige und komplex gezeichnete Figuren und Charaktere auszeichnen.

Es gibt aber noch einen weiteren, weniger offensichtlichen Zusammenhang: Von feministischer Seite wurde Kritik am Konzept der „Mary Sue“ geübt.

Wenn hier unter dem Begriff der „Mary Sue“ ebenso idealisierte männliche Figuren vorgestellt wurden, so existiert auch eine explizit auf weibliche Charaktere beschränkte Verwendung. Für männliche Charaktere gibt es dann zwar mit den Termini „Gary Sue“ oder „Marty Stu“ durchaus Äquivalente – in diesem Sinne wären Wesley Crusher oder Old Shatterhand ebensolche. Jedoch ist gerade im Bereich der Fan Fiction zu beobachten, dass der Vorwurf der Mary Sue vorrangig weiblichen Hauptfiguren angetragen wird. Männliche Hauptfiguren, die oft von ihren Autoren ähnlich überzeichnet dargestellt sind, werden weitaus weniger häufig als Mary Sues oder eben Gary Sues oder Marty Stus bezeichnet. Offenbar – so die Deutung dieser Schuldzuweisung seitens feministischer Kritik – wird dieser Vorwurf bei weiblichen Figuren überaus vorschnell erhoben, sobald es sich um ein positives Role Model handelt – also um eine starke, unabhängige, selbstbewusste junge Frau – da diese einfach dem leider immer noch gängigem weiblichen Role Model widerspräche. Kurz: Den Heldenstatus bekommt man auch in der Fiktion gewissermaßen qua Natur zugeschrieben, Heldinnen sind – per se – Mary Sues. Bestätigt wird diese feministische Analyse durch die Aussage vieler Autorinnen im Bereich der Fan Fiction, die inzwischen auf die Kreation weiblicher Hauptfiguren komplett verzichten, um den gefürchteten Vorwurf der Mary Sue zu entgehen.

Qualitätsserien leben natürlich auch und vor allem von starken Frauenfiguren – zum Glück sind deren Schreiberinnen nicht den gleichen Community-Mechanismen ausgesetzt wie ihre Kolleginnen innerhalb der Fan Fiction. Und ein eventuell bestehender Anfangsverdacht, dass es sich bei unseren wie Euren Serienheldinnen um Mary Sues handeln könnte, lässt sich schnell ausräumen: Ob Veronica Mars in der gleichnamigen Serie, Buffy Anne Summers in „Buffy – The Vampire Slayer“ oder Kara „Starbuck“ Thrace in „Battlestar Galactica“ – ein Hauptkriterium trifft auf alle diese positiven Role Models nicht zu: Sie sind innerhalb der Figurenkonstellationen der Serie streitbare Charaktere, nicht allseits beliebt, ja aufgrund ihrer Stärke und ihrem Behauptungswillen äußerst unpopulär bis sogar gefürchtet.

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