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„Wish Someone Would Care“ – New Orleans in David Simons neuer TV-Serie „Treme“

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Im April 2010 begann bei HBO die Ausstrahlung der mit viel Spannung erwarteten neue TV-Serie von David Simon: “Treme”. David Simon, bekannt für seine TV-Serie “The Wire”, in der er das postindustrielle Baltimore einer mikroskopischen Untersuchung unterzog, widmet sich nun einem Stadtteil und seiner Bewohner_innen im post-Katrina New Orleans.

Treme ist eines der ältesten Stadtteile New Orleans, in dem traditionell viele Afroamerikaner_innen leben. Während der Kolonialzeit kamen am Congo Square, heute Teil des Armstrong Parks, die Sklaven der Plantagen-besitzer zum Musizieren zusammen. Bereits vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg gab es in Treme einen hohen Anteil an freien schwarzen Menschen. Der New Orleans Jazz ist hier entstanden und auch heute noch lebt und arbeitet die Musikerszene von New Orleans in Treme.

New Orleans, the Big Easy – die große Gelassenheit oder kurz NOLA, ist die größte Stadt im US-Bundesstaat Louisiana. Sie liegt im Delta des Mississippi River kurz vor dessen Mündung in den Golf von Mexiko. New Orleans befindet sich im Einzugsgebiet von Hurrikanen. Am 25. August 2005 traf Hurrikan Katrina – einer der vier schwersten Hurrikane der jemals in den USA gemessen wurde – auf die Küste von Louisiana. Obwohl New Orleans nur von den Ausläufern des Sturms in Mitleidenschaft gezogen wurde, brachen am 29. August die Deiche des Industrial Canals, der den großen Lake Pontchartrain im Norden der Stadt mit dem Mississippi verbindet. Das eindringende Wasser überflutete weite Teile der Stadt.

Besonders stark betroffen war das Viertel Lower Nine Ward – ein Viertel der afroamerikanischen Arbeiterklasse – welches unmittelbar unterhalb der gebrochenen Deiche lag. Die meisten der Todesopfer kamen aus dem Lower Nine Ward. Viele Menschen dort hatten keine Autos, in denen sie hätten flüchten können. Noch Jahre nach Katrina konnte man die von den Mitarbeitern der US-Katastrophenschutzbehörde FEMA an die zerstörten Häuser geschriebenen Zeichen lesen, die die Zahl der in den Häusern gefundenen Leichen ausdrückten. Die Fernsehbilder von der fünf Jahre zurückliegenden Katastrophe und den Menschen, die vor dem steigenden Wasser auf die Dächer ihrer Häuser geflüchtet waren und vergeblich auf rasche Hilfe warteten, sind wahrscheinlich noch im Gedächtnis. Weit weniger bekannt dürften die langfristigen Folgen sein:

New Orleans war in den 30 Jahren vor Katrina eine mehrheitlich afroamerikanische Stadt, doch die Sturmkatastrophe und die Evakuierung haben die Bevölkerungsstruktur nachhaltig verändert. New Orleans ist weißer und wohlhabender geworden. Viele der ärmsten Bewohner_innen sind nicht zurückgekehrt. Verantwortlich dafür ist die Aussperrung von mehr als 20.000 ausschließlich schwarzen Sozialmieter_innen aus ihren weitgehend unbeschädigten Wohnungen in zentraler Innenstadtlage. Die Behörden zogen Zäune um diese Quartiere, verrammelten Türen und Fenster der Häuser und stellten Polizisten vor die Eingänge.

Die Sozialwohnungsquartiere aus zwei- bis dreistöckigen Gebäuden aus solidem Backstein waren ursprünglich für weiße Arbeiter gebaut worden, die für den Ausbau der großen Infrastrukturprojekte des New Deal – der Deiche, der Eisenbahn und der Häfen – nach New Orleans gekommen waren. Seit den 1960er Jahren verließ die weiße Arbeiterklasse die einstigen Vorzeigequartiere, um sich in den Vororten den amerikanischen Traum vom Eigenheim zu erfüllen. An ihre Stelle trat das afroamerikanische Subproletariat: Menschen, die entweder arbeitslos waren oder deren Jobs so schlecht bezahlt waren, dass ein Eigenheim unerreichbar war. Mit den Jahren wurden den neuen Bewohner_innen die Quartiere zur ideellen Großfamilie und zum Schutzraum mit informellen Netzwerken und Schattenwirtschaft. Den Stadtplanungsbehörden galten die Quartiere hingegen als Brutstätte für Kriminalität und für eine “Kultur der Armut”, die die Bewohner_innen von einer regulären Erwerbsbiografie fern hielt.

An Stelle der abgerissenen Sozialwohnungsquartiere wurden pastellfarbene Einfamilienhäuser errichtet. Die Entwicklung von so genannten “mixed income”- Quartieren – hoch subventionierte Mustersiedlungen mit rigider Hausordnung und teuren Appartements – ist ein US-weites Phänomen und begann auch in New Orleans bereits vor der Flutkatastrophe, beschleunigte sich jedoch nach Katrina. Aber auch auf andere Bereiche der städtischen Infrastruktur hatte Katrina nachhaltige Folgen: Die öffentlichen Schulen, die es vor der Flut in der Stadt gab, sind weitestgehend durch so genannte “Charter Schools” – privatwirtschaftliche Schulen – ersetzt wurden. Die Stadt zahlt nur noch einen festen Zuschuss pro Schüler_in an die Schulpächter. Die gewerkschaftlich organisierten Lehrer_innen der öffentlichen Schulen wurden nach der Privatisierung fast ausnahmslos entlassen (vgl. “Katastrophe als Katalysator” in analyse & kritik).

Die TV-Serie “Treme” spielt in der Post-Katrina-Zeit, drei Monate nach dem Hurrikan. Die Serie folgt einem Dutzend Figuren bei dem Versuch, ihr Leben vor Katrina wieder aufzunehmen. Ihre Geschichten stehen stellvertretend für eine obdachlos gewordene Stadtbevölkerung, die den Wiederaufbau allein in die Hände nehmen musste, für die zahlreichen Menschen, die auf der Suche nach ihren noch lebenden oder toten Angehörigen waren und dabei von Polizei und Justiz allein gelassen wurden. Die Musik in den Bars und auf der Straße, die tanzenden Menschen in den second-lines der Beerdingungsparaden oder der Mardi Gras Umzug sind nur Momente, die nicht darüber hinweg täuschen, dass in “Treme” überwiegend Geschichten des Scheiterns erzählt werden. Die Charaktere scheitern an nicht ausbezahlten Versicherungen, hilfloser Politik, krimineller Polizei, korrupter Justiz, Drogen und Depressionen.

Für die Entwicklung von “Treme” haben David Simon und sein Co-Autor Eric Overmyer mit einem Team aus Journalisten und Autoren aus New Orleans zusammengearbeitet, z.B. mit Tom Piazza, Autor des 2005 erschienenen Buches “Why New Orleans Matters” sowie Lolis Eric Elie, Drehbuchschreiber und Co-Regisseur des Filmes “Faubourg Tremé: The Untold Story of Black New Orleans”.

Außerdem wurden in Treme reale Geschichten verarbeitet, z.B. die des Radio-DJ Davis Rogan, der zur Bürgermeisterwahl mit dem Spruch “A desperate man for desperate times” antrat oder die des Bloggers Ashley Morris, der mit seinen auf YouTube geposteten Video-Ansprachen an den Präsidenten George W. Bush berühmt wurde. Jazzmusiker Kermit Ruffins spielt sich selbst, so wie viele andere Musiker.

Im Focus steht ein Querschnitt aus Bewohner_innen New Orleans: die Barkeeperin LaDonna Batiste-Williams, gespielt von Khandi Alexander, ist auf der Suche nach ihrem während des Sturms verloren gegangenen Bruder Daymo. Während ihr Mann mit ihren zwei Söhnen in Baton Rouge – der Hauptstadt Louisianas – lebt und keine Rückkehr nach New Orleans plant, will sie die Bar, die sie von ihrem Vater übernommen hat, nicht aufgeben. LaDonnas Ex-Mann Antoine Batiste, gespielt von Wendell Pierce, ist freischaffender Musiker und hält sich und seine neue Freundin sowie ihr gemeinsames Baby mit Gigs in Bars über Wasser. Bei der Suche nach ihrem Bruder wird LaDonna von der engagierten Bürgerrechts-Anwältin Toni Bernette unterstützt.

Toni Bernette verteidigt die Rechte zahlreicher Musiker New Orleans. Sie ist verheiratet mit Creighton Bernette, einem Englisch-Professor an der Tulane University. Er klagt in wütenden Videobotschaften über die mangelnde Unterstützung aus Washington. In einem Interview das Creighton, gespielt von John Goodmann, einem englischen Fernsehreporter gibt, weist er auf die MAN-MADE catastrophe hin. Das Versagen der Deiche und nicht der Hurrikan Katrina ist verantwortlich für die Überflutung der Stadt.

Mit dem „von Menschen geschaffenen Desaster“ meint Creighton den Umstand dass der Kanalbruch auf Erosion und mangelnder Wartung zurückzuführen ist. Trotz dringender Appelle des Ingenieur-Corps und des Deichausschusses weigerte sich die Bush-Regierung, zehn Millionen Dollar für den Neubau einer Pumpstation und die Instandsetzung der Flutmauer zu bewilligen. Als demokratische Hochburg war New Orleans eben kein Lieblingskind des – damals – republikanischen Weißen Hauses.

Eine weitere Figur in „Treme“ ist Albert Lambreux, ein Handwerker dessen Haus in Gentilly komplett zerstört wurde. Albert, gespielt von Clarke Peters, ist Chef der Guardians of the Flame – einem Mardi Gras Indian Tribe. Die Tradition des Verkleidens in vielfarbigen und mit Perlen besetzten Federkostümen stellt eine Ehrung der amerikanischen Ureinwohner_innen dar. Im 18. Jahrhundert, als die ersten westafrikanischen Sklav_innen nach Louisiana gebracht wurden, haben die dort lebenden Indianerstämme oftmals entflohene Sklav_innen aufgenommen. Eine wesentliche Sorge Alberts ist die Rückkehr der zu seiner Gang gehörenden Leute. Seine Forderung die Sozialwohnungsquartiere wieder zu öffnen, verhallt bei den Verantwortlichen der Stadtregierung ungehört. Er organisiert daher die Besetzung eines der Quartiere, um mit Hilfe von Presse und Fernsehen Druck auszuüben.

Janette Desautel, gespielt von Kim Dickens, ist eine talentierte Köchin und kämpft darum ihr Restaurant Desautel’s weiter betreiben zu können. Sie unterhält eine unverbindliche Beziehung zu Davis McAlary, einem Radio-DJ, Musiker und leidenschaftlichen Verehrer New Orleans und seiner Kultur. Janette wartet vergeblich auf die Auszahlung der Versicherungsprämie. Gelegentliche Ausfälle der Gas- und Stromversorgung erschweren ihren Alltag sowohl im Restaurant als auch in ihrem Haus, das sie wieder bezogen hat, obwohl das unterste Geschoss unbewohnbar ist. Am Ende der Staffel gibt sie entkräftet auf und geht nach New York.

Die Verantwortlichen von HBO haben nach der Ausstrahlung von nur einer Episode die zweite Staffel in Auftrag gegeben. Während den Pilotfilm noch 1,1 Millionen Zuschauer_innen sahen, sanken die Zahlen im Verlauf der Staffel bis auf eine halbe Million herab. Trotzdem gab es erwartungsgemäß viel Kritiker_innenlob für “Treme”. Umfangreiche Interviews mit David Simon erschienen beispielsweise in Village Voice und im New York Magazine.

“Treme”, sagt David Simon über sein neues Stück, ist eine Geschichte über die Verbindung zwischen Menschen und ihrer Stadt. Die Musik spinnt den roten Faden, eine ungestüme, unstete Melodie zwischen unbändigem Lebenswillen und tiefer Verzweiflung.

Eine Verzweiflung, für die aufgrund aktueller Ereignisse keine Ende in Sicht ist: Während sich das amerikanische Fernsehpublikum mit den Folgen der Sturmkatastrophe Katrina auseinandersetzte, explodierte am 20. April die Ölplattform “Deepwater Horizon” im Golf von Mexiko. Das auslaufende Öl wurde über Monate an die Küste Louisianas gespült, bevor es BP nun endlich gelang das Bohrloch zu verschließen.

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